5 gute Gründe für Kompaktkameras

Der Kameramarkt 2019 steckt in der Krise und besonders schlecht steht es um Kompaktkameras. Erlebten sie mit der Digitalisierung der Fotografie in den Nuller Jahren noch einen Boom, war bald darauf damit Schluss, als die ersten Smartphones mit brauchbaren Kameras auf den Markt kamen. Inzwischen haben Kompaktkameras nur noch sehr geringe Marktanteile, doch ganz scheinen sie sich noch nicht geschlagen geben zu wollen, alle namhaften Hersteller stellen nach wie vor (wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie vor 10-20 Jahren) Kompaktkameras her. Kompaktkameras haben einige Vorteile, wie sie keine andere Kameravariante in sich vereint. Hier gebe ich Euch 5 gute Gründe, Kompaktkameras noch nicht für tot zu erklären.

1. Kleiner und leichter

Wer eine große Kamera wie z. B. eine DSLR besitzt, dürfte wissen, was ich meine: Solche Kameras liefern dank ihrer besseren Ausstattung besten Output, aber spätestens wenn man leicht unterwegs sein will, beginnt das ganze Gerümpel aus dickem Gehäuse und 2, 3 Objektiven zu nerven. So manch DSLR, die einst mit viel Enthusiasmus angeschafft wurde, fristete darum nach kurzer Zeit ein trauriges Dasein als ungeliebter Staubfänger daheim, weil Kompaktkameras halt doch praktischer sind. Ich als Alpinist gehe oft Touren, bei denen jedes eingesparte g Gewicht zählt und was nützt mir in den Bergen eine Kamera, die zwar super Fotos macht, aber sperrig ist und wie Blei im Rucksack liegt? Bei derartigen Trümmern geht der Spaß am Fotografieren schnell verloren, mit einer Kompaktkamera hingegen überlege ich gar nicht erst, ob ich sie mitnehme und jede Kamera, die ich dabei habe ist eine gute Kamera.

2. Besser und flexibler als Smartphones

Kompaktkameras sind kleiner und leichter als Systemkameras, soviel ist sicher. Aber wozu eine anschaffen, moderne Smartphones machen auch super Fotos und das Smartie hat man immer dabei? In der Tat machen Smartphones immer bessere Fotos, aber die meisten Smartphones haben nur einen Digitalzoom, der nix anderes tut wie einen Bildausschnitt zu skalieren, was mit echtem Tele nix zu tun hat. Hier ein Beispiel aus meinem Samsung S7, einmal mit Normalbrennweite und einmal mit „4-fach Digitalzoom“:

Was auf den Mickymaus-Displays der Smartphones nicht auffällt, offenbart ein richtiger Monitor gnadenlos: unschöne Skalierungsartefakte, die an Aquarellgemälde erinnern – allerdings nicht an die guten! Nun ein Beispiel, wie flexibel eine Kompaktkamera ist – und was deren optischer Zoom leistet:

Sieht schon deutlich besser aus oder? Die meisten Kompaktkameras haben einen optischen Zoom und jede Brennweite, die man sofort verfügbar hat, minimiert das Risiko, ein Motiv zu verpassen. „Aber das kann eine Systemkamera doch besser, einfach das Tele drauf und Foto machen!“ werden viele sagen. Aber was ist wenn das Motiv nicht wartet bis ich soweit bin? Als Beispiel sei die Braunbärin mit Jungem erwähnt, die eines Tages meiner Frau und mir in Kroatiens Bergen begegnete. Es war meine Frau mit ihrer Panasonic Lumix TZ101, die die beiden Tiere fotografierte – weil ich auf meiner Nikon D800 leider kein Tele drauf hatte und die Tiere keine Anstalten machten zu warten, bis ich das Objektiv gewechselt habe. Natürlich wäre das Foto mit der D800 besser geworden, aber die war im Gegensatz zur Kompakten nicht einsatzbereit und nur ein Vollidiot würde bei einer derart seltenen Begegnung deshalb auf Fotos verzichten.

Ein Anblick, wie ihn nur die wenigsten erleben werden – Bärin mit Jungem! Foto: B. Wiefel

Nachtrag: Inzwischen gibt es immer mehr Smartphones mit versch. Brennweiten, die einen optischen Zoom ermöglichen. Doch ein flexibler 10-fach Zoom wie z. B. in der TZ101 dürfte auf absehbare Zeit in Smartphones nicht zu realisieren sein.

3. Unauffälligkeit

In vielen Fotosituationen ist es wichtig unauffällig zu sein, doch große Kameras fallen auf und machen so manch interessante Momentaufnahme zunichte. Der Grund ist einfach: Kompaktkamera / Smartphone bedeutet „Knipser“ und den nimmt keiner ernst, große Kamera aber suggeriert „Aha, ein Fotograf!“ Wer fällt in den folgenden Beispielfotos mehr auf?

Selbst wenn die junge Dame im linken Foto eine Berufsfotografin wäre, keiner würde sie wegen ihrer Kamera für eine solche halten. Die beiden Herren rechts dafür umso mehr. Warum wohl? 😉

Ein Beispiel aus meinem Fotografenleben: Ich war im Sommer 2017 auf einer Expedition in Sibirien und wir machten an einem Tag Halt in einer Kleinstadt am Fuße des Altaigebirges. Meine Reisepartner mit den kleinen Kameras wurden gar nicht wahrgenommen, doch dann sah man mich und meine dicke Nikon – und man verhielt sich sofort unnatürlich und abweisend, denn die Bewohner der Region mögen aus spirituellen Gründen nicht fotografiert werden. Viele Fotos wie z. B. das folgende konnte ich nur heimlich machen – was die Motiv-Vielfalt drastisch einschränkte.

Folgende 4 Aufnahmen sind mit der DSLR entstanden, aber meiner Ansicht nach Aufnahmen, für die eine kleine und unauffälligere Kompaktkamera geradezu prädestiniert wäre. Bitte versteht das Argument der Unauffälligkeit nicht als Aufforderung heimlich alles und jeden zu fotografieren. Regeln und Gesetze gelten auch für Nutzer von Kompaktkameras!

Noch ein – weitaus ernsteres – Argument: Kriminalität! In vielen Regionen der Welt leben Menschen in Armut und wer mit der dicken Kamera herumläuft, erweckt den Eindruck, bei ihm wäre etwas zu holen.

4. Preis und Leistung

Gute Kompaktkameras bekommt man schon ab 500 € und wer nochmal so viel investiert, erhält auf jeden Fall ein Gerät der Oberklasse. Hört sich teuer an? Dann überlegt, was alles in so einem kleinen Gerät an Leistung steckt und vergleicht, wie viel Ihr im DSLR / DSLM-Segment für die gleiche Leistung zahlen müsstet. Für 500 € bekommt Ihr eine Systemkameras mit Minimalausstattung inkl. günstigem Standard-Zoom und derartige Setups sind nicht gerade ein Garant für Topfotos. Also müssen bessere Objektive her, doch die kosten und sind groß und schwer – bis man eines Tages mit kiloweise Kameragelumpe zum Preis eines Kleinwagens herumläuft! Diese 4 Fotos habe ich auf eine internettaugliche Auflösung herunterskaliert, wer erkennt, welche Fotos aus der Kompaktkamera und welche aus der Profi-DSLR (Nikon D800) kommen?

Zweifellos macht eine DSLR / DSLM mit guten Objektiven die technisch besseren Fotos – zum Glück, denn sonst gäbe es keinen Grund mehr das ganze sündhaft teure Zeug zu kaufen. Doch es stellt sich die Frage: Wie oft brauche ich diese technisch bessere Qualität? Fotos werden heutzutage im Regelfall herunterskaliert auf sozialen Netzwerken geteilt oder auf mobilen Endgeräten angesehen und auf kleinen Monitoren erkennt keiner den Unterschied zwischen dem Foto einer Kompaktkamera und dem aus einer DSLR / DSLM. Selbst daheim auf meinem 4K-Fernseher habe ich oft Mühe, den Unterschied zwischen VF-DSLR und Kompaktkamera zu sehen. In mehr Situationen als gedacht wird der Output einer Kompaktkamera völlig genügen.

5. Weniger Schmerz bei Verlust

Egal ob die Kamera 5.000 € oder nur 500 € kostet, natürlich sollte man sein Werkzeug stets achtsam behandeln. Aber sollte man in Situationen, in denen ein Schaden oder Verlust der Kamera nicht ganz auszuschließen ist, fotografieren wollen, so ist eine günstigere Kompakte die bessere Wahl. Ist zwar immer noch ärgerlich, wenn einem die Kamera ins Wasser plumpst, beim Bergsteigen aus der Wand fliegt oder gestohlen wird, aber bei einer deutlich teureren Kamera werdet Ihr euch noch mehr ärgern!

Nun ein paar meiner besten Fotos, die ich mit Kompaktkameras aufnahm. Wer wissen will welche Kamera: Klicken / tippen aufs Foto verrät es.

Fazit

Zweifellos ist eine große Kamera mit großem Sensor besser, der Output einer guten Systemkamera mit 2-3 erstklassigen Objektiven ist und bleibt unerreicht. Doch definiert sich „Besser“ immer nur über Sensorgröße, Lichtstärke und Preis? Ist eine S-Klasse einem Fiat Panda auch dann vorzuziehen, wenn ich in verwinkelten ligurischen Bergdörfern unterwegs bin? Ich finde nein. Immer häufiger ertappe mich dabei, wie ich bei Bergtouren die TZ101 meiner Frau griffbereit an den Rucksack hänge und meine daheim gebliebene DSLR keine Sekunde vermisse, weil der Spaß am Fotografieren der gleiche ist und der Output meist sehr gut. Und ich genieße es beim Fotografieren sehr, spontan agieren zu können und außerdem nicht als Fotograf wahrgenommen zu werden. Für mich sind Kompaktkameras darum noch lange nicht tot und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

In diesem Sinne: Allzeit gut Licht, egal mit welcher Kamera! 🙂