Die Kroatien-Trilogie: Am Fuße des Velebit

Was erwartet den Kroatienreisenden am Fuße des Velebit? Eine ganze Menge mehr als nur ein mediterranes Postkartenidyll! Meine vorangegangenen Beiträge über Kroatien dürften das aber schon verdeutlicht haben. Nach unseren ausgedehnten Streifzügen in den Velebit und dem Beitrag über die lokale Flora und Fauna stelle ich Euch nun die landschaftliche Vielfalt am Fuße dieses Küstengebirges vor.

Diesseits des Velebit

Küste

Abgesehen vom nordöstlichen Teil, der in der Pannonischen Tiefebene liegt, ist Kroatien ein gebirgiges Land. Drei Gebirge Kroatiens, nämlich der istrische Karst, der Velebit und der Biokovo grenzen an die Adria und sorgen für steile und felsige Küstenabschnitte. Vereinzelt gibt es aber auch Abschnitte mit flachen Kiesstränden, so z. B. bei Starigrad-Paklenica und auf der Insel Pag. Sandstrände kommen so gut wie gar nicht vor, einzig an der Küste zwischen den Orten Rtina und Nin gibt es vereinzelt natürliche, jedoch meist wenig badetaugliche Sandstrände.

Inseln

Die größten und bedeutendsten Inseln am Fuße des Velebit sind von Nord nach Süd: Cres, LošinjRab und Pag. Mir selbst sind nur die Inseln Cres, Lošinj und Pag bekannt. Da Cres und Lošinj vom Festland weiter entfernt liegen, herrscht dort ein meist milderes Klima, was sich deutlich an der Vegetation zeigt. Die Insel Pag hingegen befindet sich sehr nahe an der Küste, die dem Festland zugewandte Seite ist daher dem berüchtigten Küstenfallwind Bura ausgesetzt, was zur Folge hat, dass dieser Inselteil teils wüstenartig degradiert ist, während die dem Meer zugewandte Seite fruchtbarer ist und eine teils üppige Vegetation vorweisen kann.

Regionen

Als einzige küstennahe Region in nennenswertem Umfang ist die Bukovica zu nennen, eine wunderschön sanfthügelige und kaum besiedelte Region zwischen dem Novigradsko More und dem Tal der Krka. Dort überwiegt nur spärlicher Bewuchs aus Sträuchern, ausgedehnte Wälder sind trotz des Namens (von Bukva = Buche) selten und Landwirtschaft spielt heute nur eine geringe Rolle. Infolge der Balkankriege in den Jahren 1991-1995 wurde die großteils von Serben bewohnte Region von kroatischen Truppen erobert. Geisterdörfer, verminte Gebiete und vom Krieg gezeichnete Ruinen sind seitdem leider allgegenwärtig. Das Hinterland von Zadar ist sehr fruchtbar und Landwirtschaft spielt dort eine größere Rolle. Diese Region ist übrigens der Ursprungsort der „Maraschinokirsche“, aus der man u. a. den gleichnamigen Kirschlikör herstellt.

Städte

Die bedeutendsten Städte am Fuße des Velebit sind die Küstenorte Senj, Karlobag, Starigrad-Paklenica und Obrovac. Im Süden bildet die geschichtsträchtige Hafenstadt Zadar den Abschluss, auf deren Historie ich hier aber nicht weiter eingehen möchte.

Gewässer

Da die den Velebit umgebenden Regionen wie auch der Velebit selbst aus stark verkarstetem Kalkgestein bestehen, kommt kaum Oberflächenwasser vor und daher gibt es kaum dauerhaft wasserführende oberirdische Bäche oder Flüsse. Einzig die beiden Karstflüsse Zrmanja und Krupa führen dauerhaft Wasser. Westlich der Bukovica liegt ein großer Süßwassersee namens Vransko Jezero, der ein Paradies für viele teils seltene Wasservogelarten ist. Auch auf den Inseln Cres und Pag befinden sich Seen: Der nicht öffentlich zugängliche Vransko Jezero auf Cres dient als Trinkwasserreservoir und die beiden Seen Veliko und Malo Blato auf Pag sind ebenfalls wahre Vogelparadiese.

Tourismus

Der Tourismus hat am Küstenabschnitt Senj – Starigrad-Paklenica keine allzu große Bedeutung, was der nur bedingt nutzbaren Steilküste geschuldet ist. Einzig den Orten Senj, Karlobag und Starigrad-Paklenica kommt eine größere touristische Bedeutung zu. Letzterer Ort ist nicht nur bei Badeurlaubern, sondern auch bei Alpinisten ein sehr begehrtes Ziel und idealer Ausgangspunkt für zahllose Bergtouren in den Velebit, die Schlucht Velika Paklenica mit ihren über 400 Kletterrouten in allen Schwierigkeitsstufen ist ein Eldorado für Kletterer aus aller Welt.

Besonderheiten

Eine kulturelle Besonderheit ist die Existenz zweier serbisch-orthodoxer Klöster namens Manastir Krupa und Manastir Krka. Die beiden Klöster sind heute noch aktiv und in deren paradiesisch anmutenden Ländereien wird nach wie vor Landwirtschaft betrieben. Da sich beide Klöster in einst überwiegend von (orthodoxen) Serben bewohnten und vom römisch-katholisch geprägten Kroatien zurückeroberten Territorien befinden, grenzt es an ein Wunder, dass diese nicht zerstört wurden.

Jenseits des Velebit

Regionen

Hinter dem Velebit liegt die Lika, ein ausgedehntes und landschaftlich sehr abwechslungsreiches Polje mit großen Waldgebieten besonders in Gebirgsnähe und fruchtbarem Ackerland. Jedoch war und ist diese Region von der Abwanderung besonders stark betroffen und gilt daher als strukturschwach. Auch die Balkankriege trugen einen nicht unwesentlichen Teils zur Entvölkerung der Region bei. Verlassene Dörfer und verminte Territorien findet man auch in der Lika allerorten. Die geringe Bevölkerungsdichte ist aber wiederum zum Vorteil für die Natur, so dass viele teils gefährdete Pflanzen- und Tierarten in der Lika eine Heimat finden. Ein berühmter Sohn der Lika ist übrigens der in Smiljan nahe der Stadt Gospić geborene Nikola Tesla.

Städte

Auf der Festlandseite des Velebit kommt den Städten Otočac, Gospić und Gračac eine größere Bedeutung zu. Alle drei Städte sind in der Lika bedeutende Handels- und Verkehrsknotenpunkte, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie vor den Auswanderungswellen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Gewässer

Obwohl auch in der Lika karstiges Kalkgestein vorherrscht, in dem Wasser sofort versickert, gibt es einige Fließgewässer, wie beispielsweise Lika, Gacka, Jadova und die Plitvica, die unter anderem die berühmten Plitvice-Seen speist. Neben den genannten Flüssen gibt es noch eine Reihe weitere, jedoch meist nur kurze Fließgewässer. Neben den genannten Flüssen gibt es noch eine Reihe weiterer Karstquellen und -flüsse, an denen einst Mühlen betrieben wurden.

Tourismus

Obwohl es ernstzunehmende Bemühungen gibt, in der Lika eine Art „sanften Agrotourismus“ zu etablieren, spielt dieser, von den fast ganzjährig besuchten Plitvice-Seen einmal abgesehen, (noch) keine besondere Rolle.

Geografie & Umwelt

Karst

Egal ob im Velebit oder am Fuße des Velebit, der Karst ist überall ganz klar das dominierende geologische Element. Das verwitternde Kalkgestein bildet teils bizarre Formen bestehend aus Kluft- und Spitzkarren und Kamenice. Es wird der nach wie vor weit verbreitete Irrtum kolportiert, die Karstlandschaften der östlichen Adriaküste seien durch die Rodung von Wäldern entstanden. Tatsächlich aber ist die Verkarstung in dieser Region fast ausschließlich den Elementen Wasser und Wind geschuldet. Vielerorts, wo die Beweidung durch Schafe und Ziegen wegfällt, lässt sich sogar eine Verbuschung der einst offenen Karstebenen beobachten.

Wasser

Jedwedes Regenwasser verschwindet sofort in den zahllosen Spalten und Löchern im Gestein um dort komplexe Höhlensysteme zu bilden und anderswo als reißender Fluss wieder zu Tage zu treten. So beginnen in Kroatien viele Flüsse nicht wie vielerorts auf der Welt als harmlose Quelle, sondern treten einfach aus einer Karsthöhle als waschechter Fluss zutage.

Höhlen

Die Bildung von Höhlen ist eine extreme Form von Verkarstung und von denen gibt es auf der Balkanhalbinsel und vor allem im Velebit eine stolze Menge. Die meisten dieser Höhlen sind noch unentdeckt bzw. unerforscht und man vermutet, dass sogar unterseeische Verbindungen zwischen den Inseln und dem Festland existieren. Eine geführte Höhlenbegehung sollte man sich als Naturliebhaber und Hobbygeologe nicht entgehen lassen! Solltet Ihr eine Höhle auf eigene Faust erkunden wollen, seid bitte äußerst vorsichtig und lasst das Werk der Natur unversehrt!

Bura

Die womöglich zweitstärkste landschaftbildende Kraft an der Küste ist das Element Wind, und zwar in Form des Fallwindes Bura. Die Bura entsteht, wenn sich von Nord bzw. Nordost heranströmende Kaltluft an den Dinariden staut und zur Küste hinabfällt. Die Bura ist sehr stark und unberechenbar böig, Böenspitzen von 200 km/h und mehr sind vor allem im Winter keine Seltenheit und wurden schon so manchem Bus oder LKW zum Verhängnis. Wir sind einmal bei starker Winterbura die (eigentlich gesperrte) Küstenstraße ab Rijeka Richtung Zadar gefahren. Die Bura wehte Schnee, Eis und teils faustgroße Steine über die Straße, vor allem auf dem Abschnitt zwischen Senj und Karlobag hatte ich teilweise Mühe, mit dem Auto auf der Straße zu bleiben!

Wo die Bura am kräftigsten weht, kann sich wenn überhaupt nur macchiaartige Vegetation halten. Wirbelt die Bura auch noch Gischt vom Meer auf und trifft auf Land, ist durch die fortwährende Versalzung des Bodens jedwede Vegetation so gut wie ausgeschlossen. Gebiete mit einer derart extremen Verkarstung erinnern teilweise an Regionen, wie man sie für gewöhnlich nur in den Wüsten ferner Länder vorzufinden glaubt.

Polje

Was wäre Kroatien ohne seine Polja? Als Polje (dt. „Feld“) bezeichnet man kesselartige Ebenen im Karst. In der Lika, die geografisch gesehen als ein großes Polje gilt, befinden sich weitere kleinere Polja. Eines davon ist das Gacko Polje nahe der Stadt Otočac. Aber auch im Velebit selbst gibt es vereinzelte Polja wie beispielsweise Krasno Polje, Veliko Rujno und Bunovac. Polja sind meist sehr fruchtbar und waren schon immer begehrte Ländereien.

Klima

Kroatien ist den meisten Menschen als mediterrane Postkartenkulisse bekannt, in der stets milde Temperaturen herrschen. Doch das ist ein Irrglaube, denn das Klima Kroatiens könnte unterschiedlicher kaum sein! Während im Hinterland das für die Pannonische Tiefebene typische Kontinentalklima dominiert, so herrschen entlang der Küste überwiegend mediterrane Bedingungen. Der zwischen Hinterland und Küste liegende Velebit fungiert als eine Klimabarriere, die für teils drastische Unterschiede im Wetter sorgt. Im Velebit selbst herrschen subalpine bis alpine Bedingungen mit moderaten Temperaturen im Sommer und strengem Frost und teils starkem Schneefall im Winter.

Umweltschutz

Der Umweltschutz wird besonders in den Nationalparks und Schutzgebieten sehr ernst genommen: Viele gefährdete Pflanzen- und Tierarten finden im Einzugsgebiet des Velebit eine Heimat. Bären und Wölfe werden immer seltener als Bedrohung, sondern als Teil eines Ökosystems gesehen und selbst die einst sehr häufig zu sehenden wilden Müllkippen werden immer weniger. Die dünne Besiedelung und damit einhergehende geringe Lichtemission macht die Region übrigens zu einer hervorragenden Location für Sternengucker.

Aber…!

Auch dieses Paradies ist in Gefahr: Wahnwitzige Pläne für Erlebnisbäder an der Küste, Skigebiete im Velebit sowie übergroße, erleuchtete Gipfelkreuze auf den höchsten Gipfeln, die selbst von Italien aus sichtbar sein sollen, irrlichtern herum. Bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens in Kroatien Größenwahn und Profitgier nicht über die Vernunft und dem Respekt vor der Natur siegen. Reisende sollten bedenken, dass das Campieren außerhalb der ausgewiesenen Campingplätze verboten ist und bei Verstößen drakonische Strafen drohen! Gegen ein Biwak unter freiem Himmel spricht zwar nichts, doch solltet Ihr euren Lagerplatz stets so verlassen, wie Ihr ihn gerne vorzufinden wünscht.

Fazit

Kroatien ist in jeder Hinsicht sehr facettenreich und diese Vielfalt zeigt sich nirgendwo deutlicher als rund um den Velebit. Wie viele Ort weltweit gibt es, an denen Hitze und Kälte, Wasserreichtum und Trockenheit, Berge und Meer, Wildnis und Zivilisation so nahe beieinander liegen? Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: Am Fuße des Velebit existiert ein solcher Ort und auch für mich als Kenner der Region gibt es dort noch sehr viel zu entdecken.

Das war der letzte Teil meiner Kroatien-Trilogie. Über Feedback würde ich mich sehr freuen. Ebenso würde ich mich freuen, wenn Ihr diesen Blog weiterempfehlt.

Bis bald! ?

Diese Trilogie ist folgenden Personen gewidmet:

  • Ladislaw Hubatschek (1922 – 2016)
  • Margaretha Pomaroli (1928 – 2016)
  • Johanna Dellemann (1949 – 2016)
  • Kurt Pomaroli (1926 – 2015)
  • Anton Hubatschek (1947 – 2009)