Eine Story über Phasen und Experimente

In meiner noch recht überschaubaren Fotografenlaufbahn habe ich schon einige Experimentierphasen hinter mir, in denen ich Verschiedenes ausprobiert habe. Auf nicht wenige dieser Phasen war ich einst unfassbar stolz, heute sehe ich vieles differenzierter und einige dieser Experimente würde ich sogar am liebsten wieder rückgängig machen.

Bis etwa 2001 hatte ich die Gegenlicht-Phase. Was fand ich diese teils grässlich überstrahlten Bilder voller Blendenflecke damals ohne Ende cool!

Um 1998 herum begann meine Geometrie-Phase. Meist handelte es sich um an sich hässliche architektonische Motive, in einem Ende der 60er Jahre hochgezogenen Stadtteil Münchens fand ich besonders viele davon. Diese Phase ist übrigens die einzige, die ich konsequent weiter verfolgte, was vermutlich mit meinem Background als Zeichner und Grafiker zusammenhängt.

2006 stieg ich mit einer Olympus µ600 in die Digitalfotografie ein und ein regelrechter Photoshop-Exzess begann. Störende Objekte im Bild? Die Farben zu flau? Der Kontrast zu gering? Das Model zu dick, zu dünn, …? Kein Problem, Photoshop richtet doch eh alles! Ein Foto einfach Foto sein lassen? Denkste!

2011 kaufte ich meine erste DSLR, eine Nikon D3100 mit 18-55 mm Kit-Objektiv. Und nach Jahren der Knipserei mit Kompaktkameras wurde meine Neugier geweckt. Schnell fand ich heraus, was eine DSLR so alles drauf hat und ich wollte endlich fotografieren lernen! So entstanden meine ersten besseren Fotos und ich fühlte mich gut, ja fast schon wie ein echter Fotograf! 😉

Aber „Profis“ benötigen natürlich viel Technikzeugs. Es folgten: ein Telezoom, ein Stativ und diverse Filter. Vor allem aber musste ein Polarisationsfilter her und der hatte es mir angetan! Und wenn es noch so sinnlos war, er blieb stets drauf. Spiegelungen verschwanden, Farben wirkten satter, … wozu überhaupt noch herunternehmen?

Es kam die Zeit, als ich die Blende als das wohl mächtigste Werkzeug zur Bildgestaltung entdeckte. Reiße stets die Blende bis zum Anschlag auf, so dass das Motiv in „Unschärfesoße“ schwimmt und selbst der letzte Mist sieht plötzlich total sophisticated und nach Meisterfotograf aus!

Etwa zeitgleich erkannte ich das Potential, das im Rohdatenformat steckt und es begann die sogenannte „Bonbon-Phase“. Ob diese Farb- und Kontrastorgien einem Bild gut taten oder nicht, war mir damals herzlich egal.

Es gab sogar vereinzelte Ausrutscher in die Welt des Color-Key-Effektes und ich experimentierte mit Farbtonungen! Zum Glück ging das schnell wieder vorbei.

Dann fing ich an zu filmen und mich in die Zeitrafferfotografie zu vertiefen. Ich sammelte eine Menge Zeitraffer-Footage, filmte viel und sprühte regelrecht vor tollen Film-Ideen. Meistens blieb es aber bei den Ideen und eine Menge bis dato ungenutztes Material schlummert heute auf meiner Festplatte.

Ab 2015 endete meine fotografische Sturm- und Drangzeit. Die Zeit, in denen gute Fotos oft per Zufall entstanden, habe ich seitdem hinter mir und die Bildbearbeitung betreibe ich längst nicht mehr in dem intensiven Maße. Ungebrochen hingegen ist meine Experimentierfreude: die Panoramafotografie und der Tilt-Shift-Effekt haben es mir derzeit sehr angetan.

Fortsetzung folgt…

Phasen sind ein Lernprozess

Auch wenn einige der genannten Phasen das ein oder andere gute Foto ruiniert haben, sie trugen trotzdem einen Teil zu dem bei, was mich heute auszeichnet. All diese Phasen – selbst die schlimmsten unter ihnen! – machtem mich zu dem, was ich heute bin. Was auch immer für eine Phase als nächstes kommt, auch sie wird ein Teil meines fortwährenden fotografischen Lernprozesses.

Und falls Ihr euch in der ein oder anderen Phase wiedererkennen solltet oder gerade andere Phasen durchmacht: Fühlt Euch von mir bitte nicht auf den Schwanz getreten und lasst sie einfach zu, denn ich will sie Euch nicht ausreden. Was ich will ist, dass Ihr ab und an einen kritischen Blick auf Euer Werk werft und stets den Willen zur Weiterentwicklung beibehaltet.

Und das gilt nicht nur für die Fotografie! 🙂

One thought on “Eine Story über Phasen und Experimente

  1. Hi, cooler Beitrag. So eine kritische Betrachtung der eigenen Werke schafft Klarheit. Hoffentlich :-). Ein Helmut Newton oder Andy Warhol hat auch experimentiert. Die Fotowelt wäre ohne die provokanten Akte von Newton oder der ‚Coladose‘ und der Stilikone ‚Marilyn Monroe‘ in Popart von Warhol um Vieles ärmer, meine Meinung.
    Schön ist, was gefällt. Sich an Regeln zu halten macht Sinn. Sie mal zu umgehen auch.
    Es geht um die eigene Weiterentwicklung und den Spass daran.
    Allzeit – ‚Gut Licht‘

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