Eine Woche im winterlichen Dalmatien. Ein Reisespecial

Foto: Bogdan Brakus

Auch Ende 2015 hieß es für uns wieder: Ab in den Süden, genauer in die Region Norddalmatien mit seiner Hauptstadt Zadar! Die Anreise verlief im Vergleich zum letzten Jahr eher unspektakulär – keine Schneestürme, keine Bura, nichts. Der Startschuss für eine eher ereignislose Woche mit nur geringer Fotoausbeute? Weit gefehlt!

Überblick über "unser Revier! (Quelle: openstreetmap.org)

Tag 1: Über den Wolken…

Bewohner des Voralpenlandes werden ihn kennen und hassen: Hochnebel, der in den Wintermonaten das Land mit einer dichten, grauen Schicht überdeckt. Als wir ankamen, lag die Adria unter solch einer flächendeckenden Hochnebelschicht verdeckt. An sich ist Hochnebel in Meeresnähe nichts besonderes, wohl aber dann, wenn er das komplette Meer bis weit in den Süden bedeckt! Was tut man also, um dem tristen Dauergrau zu entkommen? Man macht eine Bergtour in das Velebitgebirge! 🙂

Unsere Tour begann oberhalb des besonders bei Kletterern bekannten Küstenortes Starigrad-Paklenica und führte in Richtung des 1.110 m hohen Bojin Kuk. Diese leichte Wanderung bietet einige tolle landschaftliche Eindrücke und wunderschöne Aussichtspunkte. Unter günstigen Umständen ist es sogar möglich, das ca. 120 km entfernte Gran Sasso Massiv zu sehen! Schon nach etwa 400 hm tauchten wir aus der Nebelschicht wie aus einem Meer von Watte empor und wir bekamen einen glasklaren blauen Himmel zu sehen. Es war trotz des niedrigen Sonnenstandes angenehm warm und Winterbekleidung war nicht erforderlich. Gelegentlich bekamen wir an schattigen Stellen dicke Eiskristalle zu sehen, die uns daran erinnerten, dass es hier oben vor allem in klaren Nächten unangenehm kalt werden kann!

Da Ende Dezember die Tage nur sehr kurz sind und das Fortbewegen im Karst an vielen Stellen Orientierungssinn und Trittsicherheit sehr fordert, verwarfen wir die Besteigung des Bojin Kuk und machten eine gemütliche Rast inmitten der Karstkulisse mit ihren bizarren Felsformationen, die eine Menge Fotomotive bietet und, die Interpretation ihrer Formen betreffend, zuweilen auch die (weibliche) Fantasie beflügeln können 😉

Da wir nun etwas mehr Zeit für den Abstieg hatten, nutzten wir diese für einige wunderschöne Fotos von diesen faszinierenden Nebelmeer, das sich bis zum Horizont erstreckte. Und da auf der zum Meer hingewandten Seite des Velebit in schneearmen Wintern theoretisch ganzjährig Weidewirtschaft möglich ist, hatten wir u. a. Kontakt mit einem gutgelaunten Hausschwein und seinen beiden Begleithunden. 🙂

Inzwischen begann es zu dämmern und unser Rückweg zurück zum Meer bot einige unglaublich atemberaubende Ausblicke auf das Nebelmeer, das durch das orange-blaue Ferbspektrum der beginnenden Blauen Stunde etwas mystisch-surreales bekam – auch hier stellte ich mir wieder vor, wie Sonnenuntergänge auf anderen Planeten mit Atmosphäre wohl aussehen mögen. Womöglich so wie auf diesen Fotos? Wer weiß?

Tag 2: Besteigung des Vidakov Kuk

Immer noch lag alles unter dem Hochnebel verdeckt, somit stand der Tagesplan schnell fest: Ab in die Berge! Auf dem 882 m hohen Vidakov Kuk waren wir schon einige Male. 882 hm klingen für uns, die an die Alpen mit ihren 3.000ern und 4.000ern gewöhnt sind, unspektakulär, jedoch sollte man dabei nicht vergessen, dass Bergtouren im Velebit häufig bei 0 hm beginnen, das Gelände aus verkarstetem Kalkgestein und die Vegetation meist aus undurchdringlichem, dornigem Gestrüpp besteht! Kratzer und Schrammen gehören dazu und Stürze auf dem scharfkantigen Gestein werden meist mit tiefen und nur langsam heilenden Wunden quittiert! Der Anstieg zum Vidakov Kuk führt zunächst auf einen Sattel, um eine Dolac herum in Richtung des Bergdorfes Njive, zweigt dann aber links ab und führt meist durch lichte Eichenwälder und über verwilderte Almen zur Felsformation des Vidakov Kuk. Ab dort bis zum Gipfel ist für ca. eine halbe h leichte Kletterei auf griffigem Kalk angesagt, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind also erforderlich. Hat man diesen Part hinter sich, wird man mit einer wunderbaren Rundumsicht belohnt.

Unser Rückweg führte über den selben Weg zurück, da es noch relativ früh am Tag war, hatten wir Zeit für einen kleinen Abstecher in Richtung des Bergdorfes Njive, das übrigens nur mit Mulis oder zu Fuß zu erreichen ist. Auf unserem restlichen Weg zurück zum Auto hatten wir noch Zeit für eine kleine Rast im goldenen Licht der Abendsonne – und Zeit, einige wunderschöne Fotomotive festzuhalten!

Tag 3: Tulove Grede, erster Versuch…

Der 1.1.27 m hohe Tulove Grede im südl. Velebit ist eine Formation aus beeindruckenden Karstfelsen und sowohl bei Kletterern als auch bei Winnetou-Fans bestens bekannt, Letztere werden ihn eher unter dem Namen „Nugget Tsil“ kennen. Seit dem Kroatien-Krieg in den Jahren 1991 bis 1995 war das Gelände um den strategisch bedeutenden Mali-Alan-Pass vermint und eine Besteigung des Tulove Grede somit über 20 Jahre lang unmöglich. Doch inzwischen wurde die Anstiegsroute von den Minen geräumt. Leider war an diesem Tag schlechtes Wetter im kroatischen Hinterland angesagt, was auf der dem Meer zugewandten Seite des Velebits meist Bura bedeutet. Auch wenn es keine starke Bura war, so kann sie sich an prädestinierten Stellen zu einem starken Sturm mit unberechenbaren Böen entwickeln, und leider ist der Mali-Alan-Pass so eine prädestinierte Stelle. Temperaturen um die -4 °C und Böen mit Spitzen von bis zu 140 km/h ließen uns unseren Plan, den Tulove Grede zu besteigen, verwerfen und somit machten wir uns wieder auf den Rückweg und unterwegs einige Fotostopps.

Tag 4: Tulove Grede, zweiter Versuch…

Das Wetter hat sich zum Glück gebessert und somit wagten wir einen erneuten Versuch. Am Mali-Alan-Pass angekommen stellten wir schnell fest, dass die Bura zwar immer noch vorhanden war, jedoch nicht mehr in der Stärke des Vortages und bei „angenehmeren“ Tagestemperaturen von um die 0 °C. Der gut markierte Anstieg beginnt bei einer Windschutzmauer, führt oberhalb einer Doline in Richtung eines Sattels und macht einen Schwenk nach rechts zur beeindruckenden, aus riesigen Kalkfelsen bestehenden Kulisse des Tulove Grede. Der Rest des Weges zum Hauptgipfel ist ein Klettersteig, der aber leider sehr windexponiert lag.

Meine beiden Damen suchten darum eine windgeschützte Stelle für eine Rast aus. Ich wollte mir zumindest einen kleinen Gipfelsieg nicht nehmen lassen und kletterte auf den mittleren der drei Gipfelfelsen.

Nach einer kurzen Rast im Lee und einigen weiteren Fotos der uns umgebenden überwältigenden Karstkulisse sowie den uns begleitenden Dohlenschwarm ging es wieder auf dem selben Weg hinab zum Auto. Achtung! Nach wie vor ist das Gelände auf dem Mali-Alan-Pass vermint! Darum sollte man keinesfalls die markierten Wege verlassen, da nur diese geräumt wurden!

Dieser Tag und das Jahr 2015 finden ihren Ausklang mit einem traditionellen Bad im Meer einiger besonders wagemutiger Zeitgenossen und anschließendem Šlivovica.

Tag 4: Neujahr, Badesaison 2016, schönes Licht

Ein eher ruhiger Tag, wieder mit einem traditionellen Bad im Meer einiger besonders wagemutiger Zeitgenossen und anschließendem Šlivovica. Für ein Bad in der etwa 10 °C kalten Adria bin ich zu feig und ich stehe auch dazu! Ich begnüge mich damit, den Wahnsinn fotografisch zu dokumentieren und einen Šlivovica mitzutrinken! 🙂

Gegen Abend hin zeigte sich Dalmatiens Winter wieder einmal in seiner wunderschönen Farbenpracht, bestehend aus einem breiten Spektrum an Blau- und Rottönen, wie sie kein Maler dieser Welt jemals hinbekommen könnte, ohne dabei in Kitsch abzudriften! Hinzu kommt diese unglaubliche, meditative Stille – kein Zivilisationslärm, keine Tiere und Menschen sind weit und breit zu hören! Fotos vermögen solch intensive Sinneseindrücke nur ansatzweise wiederzugeben.

Tag 5: Split, die „Hauptstadt Dalmatiens“

Auch heuer statteten wir Slavka, einer Freundin unserer beiden Gastgeber, einen Besuch in Split ab. Split hatte uns ja schon letzten Winter sehr fasziniert, wobei ich damals zugegebenermaßen zunächst meine „Startschwierigkeiten“ hatte und erst nach ein, zwei Stunden Gefallen an dieser quirligen Stadt fand, deren Kern inmitten der Ruinen des einstigen Diokletian-Palastes entstanden ist. Leider begann sich das Wetter zu verschlechtern und es fing gegen Abend an zu regnen, somit hielt sich meine diesjährige Fotoausbeute eher in Grenzen. Einige schöne Motive fanden sich aber trotzdem und schlechtes Wetter ist stets eine gute Ausrede für Schwarzweiß-Fotos. 🙂

Mein Fazit: In Split gibt es keine Trennung von Antike und Moderne, alles hat sich im Laufe der Jahrttausende auf einzigartige Weise miteinander vermischt! Wer noch nie in Split war, sollte dort auf jeden Fall einmal hin. am besten zu einer Jahreszeit, wo es nicht so heiß ist und die Touristenmassen sich in Grenzen halten.

Tag 6 und 7: Regen, Schnee

Gegen schlechtes Wetter kann man leider nichts machen und eine lange geplante Besteigung des 1.750 m hohen Sveto Brdo mussten wir auf Grund des Dauerregens und Schneefalls oberhalb von 1.500 m leider abermals verschieben. Uns blieb nur die Gewissheit, dass der Sveto Brdo noch länger stehen wird und sich gewiss noch die ein oder andere Gelegenheit zum Besteigen des „Heiligen Berges“ ergeben wird.

Tags darauf mussten wir leider die Heimreise antreten, im Gegensatz zum Hinweg aber auf den Autobahnen A1 und A6 durch die Lika und das Kapela-Gebirge, die beide zu unserer Überraschung tiefwinterlich verschneit waren! Schnee in einem Land, dass die meisten Menschen nur als mediterrane Postkartenkulisse entlang der Adria kennen. Doch Kroatien hat sehr viele Gesichter und zu keiner Jahreszeit zeigt dieses Balkanland seine vielen Gesichter so deutlich wie im Winter. Ich für meinen Teil kann allen Berg- und Naturfreunden sowie allen passionierten Fotografen einen Besuch Kroatiens im Winter nur empfehlen!

FAQ

Hallo Daniel, womit sind Deine Fotos entstanden?

Mit dabei waren eine Nikon D7000 und eine Nikon D5300. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Fotos mit der Nikon D7000 entstanden. Mit im Gepäck waren das Sigma 18-35 mm f1,8 DC HSM, das Nikon AF-S 70-300 mm 1:4,5-5,6G VR und ein Stativ der Marke Red Rock. Blitz und Filter kamen nicht zum Einsatz.

Was kommt in Deinen Rucksack?

Mit auf unseren Bergtouren hatten wir: Wasser, eine Thermoskanne voll Tee, Fruchtriegel, einen Flachmann gefüllt mit Hochprozentigem, Stirnlampen, Reserve-Hemden, Handschuhe, Fleece-Pullover und winddichte Jacken. Gutes Kartenmaterial ist ein Muss, egal ob analog oder digital. Ich schwöre auf OruxMaps, eine App, die mit Opensource-Karten funktioniert und mit der man sogar Kartenausschnitte festlegen und Touren aufzeichnen kann. Außerdem empfehlenswert sind feste und wasserabweisende Wanderschuhe sowie ggfs. Wanderstöcke.

Da ich schon mit meinem Kamerakram schwer zu schleppen habe, achte ich bei meiner restlichen Ausrüstung besonders auf Gewicht und Größe. Wasser kommt darum nur in Plastikflaschen, zusätzliche Kleidung besteht möglichst aus leichtem Kunstfasergewebe und der Proviant aus Lebensmitteln, die leicht und energiereich sind, z. B. Frucht- oder Müsliriegel, Nüsse und Trockenobst. Obst, Wurstbrote usw. sind schwer, platzraubend und haben daher in meinem Gepäck nichts verloren.

Wann ist die beste Zeit für Touren in den Velebit?

Die beste Zeit für Touren in das Velebitgebirge sind das Frühjahr bzw. Herbst und Winter. Im Sommer sollte man sich auf Grund der Hitze größere Touren besser verkneifen oder schon im Morgengrauen aufbrechen. Da man ohne Wasser erfahrungsgemäß sehr schnell in eine bedrohliche Situation geraten kann, sollte besonders im Sommer immer möglichst viel Wasser mitgeführt werden, d. h. mindestens 3 l pro Person!

Was weißt Du über Flora und Fauna im Velebit?

Im Velebit werdet ihr eine weitgehend unberührte Berglandschaft vorfinden, in der es eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren gibt, die vielerorts in Europa als stark gefährdet oder gar ausgestorben gelten.

Auf der bewaldeten Festlandseite des Velebit gibt es Populationen von Bären und Wölfen, einen Kontakt mit diesen Tieren habe ich persönlich aber noch nie erlebt, ebenso wenig den Kontakt mit Wildschweinen, Schakalen und Vielfraßen, die dort ebenfalls vorkommen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann ein Tierabwehr-Spray mitnehmen. Eher sollte man damit rechnen, Schlangen oder Riesensmaragdeidechsen zu begegnen, was uns schon einige Male passiert ist. Normalerweise suchen Reptilien sofort das Weite, sobald sich ein großes Lebewesen nähert, nicht aber frühmorgens, wenn die wechselwarmen Tiere nach der Kälte der Nacht noch nicht „auf Betriebstemperatur“ sind. Die meisten Schlangen sind harmlos, der Biss einer Hornviper sollte aber baldmöglichst von einem Arzt behandelt werden! Im Velebit gibt es eine Vielzahl an Insekten, was das Gebirge zu einem wahren Paradies für alle Insekten- und Schmetterlingsfreunde macht. Spinnentiere wie Zecken oder Skorpione sind im Velebit kein Thema, sehr wohl aber auf den Inseln. Spinnen, Spinnenläufer und Riesenläufer gibt es zuhauf und zumindest Erstere sind harmlos. Nur der Riesenläufer besitzt wie alle Arten von Hundertfüßern keinen Fluchtreflex und verteidigt sich mit einem Giftbiss, der zwar für Nichtallergiker unbedenklich, dafür aber sehr schmerzhaft ist, wie ich einmal bei der Gartenarbeit erfahren musste. Im Winter werdet ihr definitiv weder auf Bären, noch auf Schlangen und große Insekten stoßen, weil diese Winterschlaf bzw. Winterstarre halten. Einzig eine Begegnung mit Wölfen oder Wildschweinen wäre theoretisch möglich, ist aber sehr unwahrscheinlich, weil Wildtiere den Menschen normalerweise meiden.

Auf was sollte man sonst noch achten?

Vergesst nie, dass die Region Schauplatz eines Bürgerkrieges war und es daher am Hauptkamm des südl. Velebit nach wie vor Landminen gibt! Darum nehmt die Schilder mit dem Totenkopf unbedingt ernst und besorgt euch z. B. bei der Nationalparkverwaltung von Starigrad-Paklenica eine aktuelle Landkarte, in der die Minenfelder eingezeichnet sind!

Ein paar Worte zum Schluss…

Flora und Fauna des Velebit sind vor allem in den Nationalparks streng geschützt und nur ein respektvolles Miteinander von Mensch und Natur hilft, diese einzigartige Landschaft auch zukünftig vor der Zerstörung durch den Menschen zu bewahren. Darum verhaltet euch bitte stets rücksichtsvoll, damit auch zukünftige Generationen von naturbegeisterten Menschen einen intakten und ursprünglichen Lebensraum vorfinden werden. Dies gilt selbstverständlich auch für alle anderen natürlichen Lebensräume.

In diesem Sinne: Doviđenja i vidimo se!

2 Kommentare bei „Eine Woche im winterlichen Dalmatien. Ein Reisespecial“

  1. Guten Abend. Ein schöner Bericht mit vielen tollen Bildern eines faszinierenden Landes. Mit dem Wetter hattet ihr im Dezember noch Glück, ich war die erste Januar Woche in Istrien unterwegs da kam deutlich mehr Nass vom Himmel herab. Schön war es trotzdem. Mehr Glück hatten wir im Dezember 2014, auch teils kühle Bura aber immer mit viel Sonne. Damals kamen wir auch bis Split, was in den Wintermonaten ebenso faszinierenden ist wie im Sommer nur eben viel ruhiger.
    Grüße Andreas Prem

    1. Ja wir hatten 2014 auch etwas mehr Glück mit der Sonne, dafür aber auch viel mehr Bura. Das war nun unser dritter Winter in HR und wir haben eines gelernt: Ein Winter in Dalmatien steckt immer voller Überraschungen, doch das „Risiko“ ist es wert! 🙂

      LG Daniel

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