Ist JPG ist das neue Raw?

Immer öfter stolpere ich im Netz über Videologs, Blogposts und Rezensionen, in denen Fotografen behaupten, sie würden das Raw-Format ungenutzt lassen und von den Kamera-JPGs Gebrauch machen. Das kann doch nicht sein! Fotografieren in JPG? Das ist doch nur was für Amateure und Knipser! Der Profi fotografiert nur in Raw und schafft damit wahre Kunstwerke! Oder etwa nicht? Also was ist da plötzlich los?

Auch ich verwende immer seltener Raw und wie es dazu kam, erzähle ich hier und jetzt. Aber bisserl ausholen muss ich trotzdem. 🙂

Aus Raw lässt sich unbestritten fast alles herausholen. Ja man kann Fotos regelrecht „retten“ und als ich diese Möglichkeiten entdeckte, war ich hin und weg. Und so zog jedes Fotoshooting immer einen mitunter mehrtägigen Arbeitsaufwand nach sich, denn Raw-Dateien sind groß und große Dateien sind zeit- und rechenintensiv. Das begann mich zunehmend zu nerven und so wagte ich das „Experiment“. Ich stellte meine Kamera auf Raw+JPG ein und merkte schnell, wie selten ich Raw benötige. Sicher steckt in Raw mehr Information, aber benötige ich die echt bei jedem Foto?

Was ist Raw? In Raw steckt die Information, die der Bildsensor einer Kamera erfasst. Doch diese Information ist kein Bild, sondern eine Datei, aus der erst eine Software ein Bild berechnet und das dauert je nach Rechenpower und Dateigröße seine Zeit. Und dann ist das Bild noch lange nicht „schön“! Und was ist JPG? JPG ist ein Dateiformat, in dem alle Informationen eines fertigen Bildes stecken, was bedeutet, der äußerst zeitintensive Schritt des Berechnens fällt weg. Doch JPGs haben nur eine Bittiefe von 8 bit pro Farbkanal und sind auch noch komprimiert. Klingt nicht gerade nach einem Pluspunkt oder? Kommt drauf an!

JPGs können von der Kamera bereits vor-optimiert werden. Eine Korrektur von Detailverlusten in den Tiefen und Lichtern, Rauschreduktion oder Objektivverzerrung kann jede moderne Kamera automatisch vornehmen, jedoch nicht bei einer Raw-Datei. Was spricht sonst noch für JPG? Die Dateigröße. Die Raw-Dateien meiner D800 sind durchschnittlich 40 MB groß, die JPGs aber nur 10 MB. Datenspeicher ist zwar relativ günstig, aber ob eine 2 TB-Festplatte nach einem oder erst nach 2-3 Jahren voll ist, macht einen Unterschied! Dann müssen alle Fotos gesichtet und editiert werden, aber große Dateien, die wie erwähnt nicht einmal Bilddateien sind, sichtet man nicht schnell und schnell editiert sind sie schon gar nicht! Dem Hobbyisten kann das egal sein, aber ein Berufsfotograf muss Geld verdienen und endlose Bildbearbeitungsarien werden nur selten honoriert. Noch ein Vorteil, der für Highspeed-Fotografen interessant ist: Die Kamerageschwindigkeit. Mit Raw läuft der Pufferspeicher der Kamera gleich voll, während er mit JPG um einiges länger durchhält bis die Kamera eine Zwangspause einlegt. Ihr seht, JPG bietet Vorteile, die Raw nicht bietet.

Schön, aber kann man JPGs überhaupt noch bearbeiten? Auch in JPG kann man Belichtung, Weißabgleich oder Tiefen und Lichter verbessern, wenn auch nicht in dem Maße wie bei Raw. Aber wenn ich schon während der Aufnahme exakt arbeite, sind drastische Korrekturen auch nicht erforderlich und für künstlerische Bild-Looks, Ausschnitte, Vignetten usw. brauche ich sowieso kein Raw. Wenn ich beschließe JPG zu verwenden, wie stelle ich die Kamera ein? Mein Rat: Übertreibt es nicht mit Kontrast, Sättigung und Schärfe, damit Ihr immer ein neutrales Foto habt, mit dem man flexibel bei der Bearbeitung ist. Die autom. Korrektur von Tiefen, Lichtern und Vignettierung habe ich auf Normalwerte eingestellt, nur die Rauschreduktion auf Gering, denn lieber etwas Rauschen im Foto, als einen „Aquarell-Effekt“ durch eine zu starke Rauschreduktion. Die Verzerrungskorrektur habe ich stets aktiviert. Mit derartigen JPGs als Rohmaterial kann ich problemlos in jedem Bildbearbeitungsprogramm ein Foto ganz nach meinem Geschmack (oder dem des Kunden) ausarbeiten.

Hier ein paar Beispiele, in denen nur das Kamera-JPG zum Einsatz kam. Bei fast allen wurde lediglich die Schärfe, Kontrast und Sättigung etwas angepasst. Nur die beiden Bergfotos wurden etwas stärker bearbeitet:

Mein Fazit: Ist das Kamera-JPG gut, macht es in meinen Augen keinen Sinn, sich mit einer viermal so großen Datei zu plagen. Nichts gegen das Raw-Format, aber ich freue mich, wenn ich es gar nicht erst brauche. Verzichten kann ich, wenn ich keine besseren Bildergebnisse als mit den Kamera-JPGs erziele. Tue ich es doch, verschwende ich meine Zeit und ich habe schon genug Zeit mit der Bildbearbeitung verschwendet. Gibt es Ausnahmen? Bei Porträt- und Astrofotografie bestehe ich weiterhin auf Raw. JPG ist also noch lange nicht das neue Raw. Aber Raw wird in meiner Art der Fotografie immer unwichtiger.

Probiert es doch mal selbst aus! 🙂

 

P.S: Meist wird vom „RAW-Format“ geschrieben, richtig heißt es aber „Raw-Format“, denn hier wird Bezug auf „Raw“, das englische Wort für „Roh“ genommen. Es gibt zwar eine Dateiendung „RAW“ (Panasonics Raw-Format), gemeint ist aber das Rohdatenformat von Kameras im allgemeinen und nicht das von Panasonic.

2 Kommentare bei „Ist JPG ist das neue Raw?“

  1. Hallo Daniel, Deine Überlegung macht Sinn. Stimmt. Die 60D produziert RAW-Dateien in der Größenordnung zwischen 22 und 28 MB. JPGs fallen deutlich „leichter“ aus. Die Beispielfotos sind gut gewählt, damit hätte eine heute übliche Kompaktkamera kein Problem. Ich bin kein Handyfotografierer, jedoch weiß ich ich aus Erfahrung, daß diese Fotos mein Samsung J3 ebensogut hinbekommen hätte.
    Was aber, wenn der Dynamikumfang hoch ist, ich denke dabei an typische Winterfotos, irgendwo beim Schifahren, am Wasser (Meer, beliebt ist die Karibik, mittags) oder Deine Sonnenuntergangbalkonfotos, ND-Filterfotos.
    Das „Problem“ ist hinter der Kamera, die Kamera ist ein Werkzeug. JPG sowie Raw-Daten haben ihre Berechtigung, es kommt darauf an, wie und wann sie verwendet werden.
    Laß` den Verschluß glühen!!!
    Peter

    1. Bei hohem Dynamikumfang stoßen kleinere / ältere Bildsensoren schnell an ihre Grenzen. Bei modernen Kameras spielt nicht nur der bessere Bildsensor, sondern auch die interne Signalverarbeitung eine große Rolle, d. h. man erhält heute bessere JPGs als noch vor 10 Jahren. Mein Rat wäre, zweigleisig (JPG + Raw) zu fotografieren um auf Nummer sicher zu gehen und herauszufinden unter welchen Bedingungen Raw die Nase vorn hat.

      LG Daniel

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