Schwarz-Weiß – die bessere Wahl oder nur „die Farbe der Angeber“?

Vor kurzem führte ich eine kleine Debatte mit einem befreundeten Fotografen, der über eine rein schwarz-weiße Ausführung seines Fotokalenders nachdachte. Die Erstellung eines Fotokalenders ist ja ohnehin nicht ganz einfach, denn schließlich möchte man sich ja von seiner fotografischen Schokoladenseite zeigen und hat dafür nur 12 Kalenderblätter zur Verfügung. Jedoch musste ich meinem Fotokollegen angesichts seiner Auswahl von einer rein schwarz-weißen Umsetzung seines Kalenders dringend abraten, da viele der von ihm ausgewählten Fotografien in meinen Augen gar nicht in Schwarz-Weiß funktionieren würden.

Als ich meine Antwort per e-Mail bereits an ihn versandt hatte, fiel mir ein, dass das Thema Schwarz-Weiß-Fotografie einen sehr guten Stoff für einen lange geplanten Beitrag abgibt. Ja, und hier ist er – mein möglicherweise kontroverser Beitrag über die Schwarz-Weiß-Fotografie:

Was ist Schwarz-Weiß überhaupt?

Nichts anderes als das Fehlen einer wichtigen Information in einem Bild: nämlich der Farbe. Wir Menschen und auch viele Tiere sehen in Farbe und Farbe beinhaltet Informationen, die für unser Leben und Überleben wichtig sind. So warnt uns die Farbe Rot entweder vor einer Gefahr oder weist auf wohlschmeckende, reife Früchte hin, leuchtende Farben bei Pflanzen und Tieren sind ein Hinweis auf Giftigkeit und wir wissen, dass Schwarz und Gelb ein Hinweis auf ein stechendes Insekt oder auf Gefahrenzonen z.B. in Industrieanlagen sind.

Mit ihrem schwarz-orangen Streifenmuster warnt die Streifenwanze vor ihrer Giftigkeit.

Was würde also passieren, wenn unserem Sehen plötzlich jede Farbe inkl. der Erinnerung an die Farbe von uns umgebenden Dingen fehlen würde? Zweifellos hätten wir große Probleme, uns in unserer Umwelt zurechtzufinden!

Schwarz-Weiß-Fotografie und ihre Ursprünge:

Hier schweife ich ein klein wenig aus und blicke zurück in die Geschichte der Fotografie und des Filmes. Wie wir alle wissen, haben Schwarz-Weiß-Fotografie und -film eine längere Tradition, da der Farbfilm erst viel später zur Marktreife kam. Als Farbfilme dann endlich für Jedermann erschwinglich wurden, wurde der Schwarz-Weiß-Film mit seiner technischen Unzulänglichkeit langsam zu einem Nischenprodukt – und gleichzeitig zu einem stilbildenden Element in der Fotografie und dem Film.

Warum ist Schwarz-Weiß oft „schöner“ als Farbe?

Ganz einfach! Schwarz-Weiß wirkt sophisticated und sieht total nach „Profi“ aus! Smartphone raus, Foto gemacht, irgendein cooles Schwarz-Weiß-Effekt-Preset drüber und schon sieht jedes blöde Handybildchen aus, als hätte irgendein Meisterfotograf es mit seiner Hasselblad geschossen. Nein, so leicht ist diese Frage leider nicht zu beantworten. 🙂

Ein möglicher Grund, warum uns Schwarz-Weiß anspricht, ist der, dass eine farblich unverfälschte Aufnahme unserem realen Sehen zu sehr ähnelt – wir sind es gewohnt, Dinge in Farbe zu sehen. Doch der wahrscheinlich wichtigste Grund ist das Potential, den Ausdruck, die Stimmung eines Fotos oder Filmes zu verstärken oder zu ändern. Auch wenn Farbe für unser Sehen und Überleben immens wichtig ist, so kann sie in Fotografie und Film gelegentlich auch ein Zuviel an Information bedeuten und unseren Blick auf das Motiv verfälschen oder gar nehmen.

Gibt es Motive, bei denen Schwarz-Weiß störend ist?

Eindeutig ja! Hier zwei einfache Beispiele:

  1. Es ist Frühling und wir wollen tolle Fotos der herrlichen Blütenpracht machen. Kein Schwarz-Weiß-Foto dieser Welt wäre in der Lage, all die verschiedenen Farben der Blüten annähernd wiederzugeben!
  2. Eine farbige Dame in einem roten Kleid steht für uns Modell. Da das Rot des Kleides einen sehr starken und reizvollen Kontrast zur dunkelbraunen Haut des Models darstellt, wäre Schwarz-Weiß eine dumme Wahl!

Ob eine Aufnahme ein Farbfoto oder Schwarz-Weiß-Foto wird, ist aber meist gar nicht so leicht zu entscheiden, wie in den beiden eben genannten Beispielen. Hier ein paar Situationen, die nach meinem persönlichen Empfinden ein besonders hohes Potential für gute Schwarz-Weiß-Fotos haben:

  • Landschaften in Langzeitbelichtung
  • Gewässer in Langzeitbelichtung
  • Fotografien von Städten und Altstädten
  • Akt- und Porträtfotografien
  • Aufnahmen in farbneutraler Umgebung
  • (Landschafts)Fotografien im Spätherbst oder Winter
  • Detailaufnahmen von Architektur

Nur weil die genannten Situationen besonders oft in Schwarz-Weiß umgesetzt werden, ist das aber noch lange nicht die erste Wahl. Die Entscheidung, ob Farbe einem Foto Ausdrucksstärke gibt oder nimmt, muss bei jeder Aufnahme erneut gefällt werden!

Wie entstehen gute Schwarz-Weiß-Aufnahmen?

Zeitgleich mit der Entwicklung der Schwarz-Weiß-Fotografie zu einem stilbildenden Element fanden Schwarz-Weiß-Filme mit speziellen Eigenschaften ihre Liebhaber unter den Fotografen. Außerdem konnte man durch den Einsatz von Farbfiltern einem Schwarz-Weiß-Foto einen ganz eigenen Charakter geben. So färbten beispielsweise Orange- und Rotfilter in schwarz-weißen Landschaftsaufnahmen das Himmelsblau in ein dramatisches Dunkelgrau bis Schwarz. Hier ein Beipiel für eine (digitale) Schwarz-Weiß-Aufnahme mit Rotfilter (Wie immer macht Klicken oder Tippen Bild groß):Das morgendliche Himmelsblau wirkt durch den eingesetzten Rotfilter sehr dunkel.

Zwar ist der moderne Fotograf mit seiner Digitalkamera heute viel flexibler als noch zu analogen Zeiten, wo man sich für oder gegen das Einlegen eines Schwarz-Weiß-Filmes entscheiden musste. Doch trotzdem ist die Entscheidung pro oder contra Schwarz-Weiß keinesfalls leichter geworden. Ein universales Patentrezept, das zu guten Schwarz-Weiß-Fotos führt ist auch mir leider unbekannt, da das ästhetische Empfinden des Fotografen und der Betrachter eine große Rolle spielt. Und doch gibt es bei der Ausarbeitung von Schwarz-Weiß-Fotografien ein paar essentielle Vorgehensweisen:

Ein non-destruktiver Workflow:

Egal ob Schwarz-Weiß oder Farbe – bearbeitet niemals Originaldateien! Am flexibelsten seid ihr, wenn ihr im RAW-Format fotografiert. RAW-Dateien verfügen über eine höhere Bittiefe pro Farbkanal als JPG-Dateien und erlauben daher eine viel weitergehende, non-destruktive Bildbearbeitung. Mehr über die Vorteile des RAW-Formates und eines non-destruktiven Workflows findet ihr hier.

Tipp: Fotografiert ihr aber in JPG oder filmt ihr, dann tut das immer in Farbe und ohne kamerainterne, bildverbessernde Parameter, um möglichst unverfälschtes Rohmaterial zur Verfügung zu haben. Ein Farbfoto oder -film lässt sich mittels Software immer in Schwarz-Weiß umwandeln, aber umgekehrt sieht es naturgemäß schlecht aus.

Die passenden Grauabstufungen finden:

In der Schwarz-Weiß-Fotografie / im Schwarz-Weiß-Film wird jede Farbe als eigene Grauabstufung wiedergegeben. Will man besonders schöne Resultate erhalten, legt man die Intensität der Grauabstufungen individuell fest. Ein Farbfoto in einem Bildbearbeitungsprogramm einfach in Graustufen zu konvertieren, ist ein Garant für ein schlechtes Schwarz-Weiß-Foto! So sieht ein Farbfoto aus, das ohne individuelle Abmischung in Graustufen konvertiert wurde:Die „Vogeltränke“ - ohne Abmischung der Graustufen in Schwarz-Weiß konvertiert.Doch so kann das Foto mit einer individuellen Abmischung aussehen. Der Unterschied ist zwar nicht riesig, muss er aber auch nicht zwangsläufig sein:Die „Vogeltränke“ - hier bekamen die Rot- und Orangetöne ein etwas dunkleres Grau.Versucht also, im RAW-Konverter / im Bildbearbeitungsprogramm für jedes Foto die jeweils passende Mischung an Grauabstufungen herauszuarbeiten, bei der das Motiv am besten zur Geltung kommt.

Den Kontrast erhöhen:

Was Farbfotos meist ruiniert, kann bei Schwarz-Weiß-Fotos gut aussehen und Brillianz ins Bild bringen: ein hoher Kontrast. Gute Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeichnen sich meist durch einen hohen Kontrast aus, wobei dieser bei Portraits gerne mal etwas geringer ausfällt als bei Stadt und Architektur. Hier noch einmal die „Vogeltränke“ mit der individuellen Schwarz-Weiß-Mischung, aber einmal mit sehr niedrigem und einmal mit hohem Kontrastwert:Die „Vogeltränke“ - mit niedrigem Kontrast (+25 in Lightroom). Die „Vogeltränke“ - mit hohem Kontrast (+80 in Lightroom).

Eine Vignettierung einfügen:

Die sogenannte Vignettierung, also die Abschattung der Aufnahme zum Bildrand und zu den Bildecken hin ist eigentlich ein konstruktionsbedinger „Fehler“ bei Objektiven, kann aber auch gut aussehen und als Stilelement eingesetzt werden. Hier noch einmal die „Vogeltränke“ einmal ohne und einmal mit Vignettierung:Die „Vogeltränke“ - ohne Vignettierung.Die „Vogeltränke“ - mit leichter Vignettierung.Prinzipiell war’s das schon! Hier noch einmal eine Gegenüberstellung des automatisch erzeugten Schwarz-Weiß-Bildes und meiner endgültigen, individuellen Version. Dann ist aber wirklich Schluss mit dem Beispiel „Vogeltränke“! 🙂

Die „Vogeltränke“ wie sie nach der Konvertierung in Schwarz-Weiß aussah. Die „Vogeltränke“ in finaler, individueller Schwarz-Weiß-Umsetzung.

Weitere Möglichkeiten:

Was ich bei meinen Schwarz-Weiß-Fotos stets gerne mache, ist eine leichte Anhebung der Gradationskurven im dunklen Bereich, so dass Schwarz als sehr dunkles Grau wirkt. Weiters bekommen meine Schwarz-Weiß-Aufnahmen je nach Motiv eine minimale Farbtonung mit einem Orange- oder (seltener) Blauton. Allerdings ist diese Farbtonung derart subtil, dass man sie erst in einer Gegenüberstellung objektiv wahrnehmen würde.

Tipp: In RAW-Konvertern wie z.B. Adobe Lightroom und in Bildbearbeitungssoftware findet ihr häufig Presets für eine Schwarz-Weiß-Konvertierung von Fotografien. Solange eure Fotos gut werden, ist es keine Schande, mit diesen zu arbeiten!

Was Schwarz-Weiß-Fotos ruinieren kann:

Versteht mich bitte nicht falsch, aber die folgenden Spielereien wurden in der Geschichte der Fotografie und des Filmes schon zur Genüge strapaziert! Ich weiß, dass Geschmäcker verschieden sind und möchte auch niemandem meine Meinung aufzwängen, aber ich erlaube mir, diese zu äußern:

  • Farbtonungen im Bild, allen voran dieser unsägliche Sepia-Effekt, sollten (wenn überhaupt) nur sehr sparsam eingesetzt werden!
  • Gerne fügt man Schwarz-Weiß-Fotos ein „analoges Korn“ hinzu. Eine Verschlechterung des Bildes wird also zu einem Stilelement – naja!
  • Wann verschwindet endlich der „Color-Key-Effekt“ (New York in schwarz-weiß mit gelben Taxis) von der Erdoberfläche?

Hier ein Beispiel aus der Jahrhundertwende. Ich bin mir sicher, dass dieser Akt auch ohne violetter Tonung eine tolle Schwarz-Weiß-Aufnahme gewesen wäre:

Um 1910 entstandene Aktfotografie mit violetter Farbtonung. (Quelle: Wikipedia)

Ja oder Nein zu Schwarz-Weiß? Ein Fazit:

Oh je, wie krieg ich jetzt die Kurve, ohne auf dünnem Eis zu landen? 🙂 Wenn ihr mit tollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen punkten wollt, gibt es ein paar Konventionen und ungeschriebene Regeln, die ihr beachten solltet. Ein paar Tipps, wie ihr zu besseren Schwarz-Weiß-Fotos kommt, habe ich euch bereits gegeben, die wohl wichtigste von allen Regeln ist aber diese hier:

Mit Farbe oder Schwarz-Weiß hat ein gutes Foto zunächst einmal gar nichts zu tun! Niemals wird ein Foto besser, weil es schwarz-weiß ist, ebenso wenig wie alte Filmklassiker wegen der fehlenden Farbe zu solchen wurden. Es sind Motive, Momente oder Stimmungen, die uns veranlassen, Fotos zu machen und es ist immer die Bildkomposition, die aus unserem Foto ein gutes Foto macht. Die richtige Farbwahl sorgt für nur einen letzten Feinschliff und macht ein gutes Foto perfekt.

Euer „Kreativer Blick“ ist gefragt!

Ob Schwarz-Weiß oder nicht müsst ihr als Urheber eures Kunstwerkes entscheiden oder auch die Menschen, deren Meinung ihr sucht. Viele Motive „wirken“ besser in schwarz-weiß, andere wiederum funktionieren aber besser in Farbe. Mit etwas Übung sieht man seinen Fotos eines Tages an, ob sie das Zeug zu Schwarz-Weiß haben. Falls ihr euch nicht sicher seid, probiert es einfach aus – und dank verlustfreiem Workflow völlig ohne Reue! Hauptsache ihr übertreibt es nicht mit der Schwarz-Weiß-Fotografie! 😉

Abschließend zeige ich euch ein paar meiner Aufnahmen inklusive einer kurzen Erklärung, warum ich mich beim jeweiligen Foto für bzw. gegen eine Umsetzung in Schwarz-Weiß entschieden habe. Die Bildbeschreibung findet ihr, wenn ihr auf das Foto klickt oder tippt.

Und nun viel Spaß beim Stöbern und Ausprobieren wünscht euch

Daniel

Diese Aufnahme ist auf Grund ihrer starken farblichen Kontraste ganz klar ein Farbfoto. Sonnenuntergänge und Abendrot funktionieren nur mittels Farbe und können daher niemals gute Schwarz-Weiß-Fotografien werden! Das Blau des Meeres gepaart mit dem orangen Licht der Abendsonne schreit geradezu nach Farbe! :-)Nebel steigt aus einem verregneten Fichtenwald empor. In Farbe wäre das Foto belanglos, aber in Schwarz-Weiß hat es eine gewisse mystische Schönheit an sich.Sowohl, als auch: Splits nächtliche Kulisse gefiel mir auch in Farbe sehr gut, doch in Schwarz-Weiß gefiel sie mir etwas besser.Diese wüstenartige Einöde mit ihren Ockertönen und das Himmelsblau bilden zusammen einen reizvollen Kontrast. Darum ist es ein Farbfoto.Der Anblick dieser gigantischen Lenticularis Wolke war überwältigend und das Foto sah auch in Farbe gut aus. Aber es wirkt in Schwarz-Weiß viel dramatischer.Der Schwan hingegen ist ein wunderschöner weißer Tupfer im umgebenden Türkisblau und darum eindeutig ein Farbfoto!Grau- und Brauntöne dominieren im Foto und Wasserfälle in Langzeitbelichtung sehen in Schwarz-Weiß meist besser aus. So auch hier.Diese Gegenlichtaufnahme mit geschlossener Blende sieht in Schwarz-Weiß dramatischer aus.Eine Landschaftsfotografie, die mit ihren dominierenden Grün- und Blautönen Farbe benötigt.

Ein Kommentar bei „Schwarz-Weiß – die bessere Wahl oder nur „die Farbe der Angeber“?“

  1. Hallo Daniel, der Beitrag über SW- vs. Farbfotos ist eine Herausforderung. Ich gebe dir recht, wenn du sagst, daß nicht „alle“ Motive in SW als gelungen herüberkommen. Selber hab ich mich noch nicht so richtig über die SW Fotografie darübergetraut. Das hat sich soeben geändert.
    Der Michael Kenna (Ausstellung aktuell in Innsbruck, frei zugänglich) zeigt nur SW Fotos in der Ausstellung. Teilweise sogar noch im analogen Format. Ich hab mich selber gefragt, wie schaut das Bild in Farbe aus??? Was wäre „besser“?
    Viel, das ist meine Meinung, hat SW auch mit Provokation zu tun. Ich gehe davon aus, daß sich das Foto für SW eignet. Die Farbe fehlt. Was nun??? Was denkt, fühlt oder spürt der Betrachter dabei??? Ein Foto soll die Emotionen ansprechen, den Betrachter mitleben, verblüffen, staunen lassen.
    Die „Wolke“ ist einer der Supertreffer – egal, ob in Farbe oder SW ausgearbeitet.
    cu Peter

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