Filmen mit der Digitalkamera – Bildstabilisierung Marke Eigenbau für nur 25 €

20140819_174718Der vermutlich mieseste Sommer seit Jahren neigt sich endlich dem Ende zu, beeindruckende Fotos sind leider kaum entstanden, aber dafür habe ich mein Interesse am Filmen mit der DSLR entdeckt und mir über die Lösung eines Ärgernisses, nämlich das der verwackelten Aufnahmen, Gedanken gemacht. Hier zeige ich Euch, wie Ihr Eure Videos für nur 25 € stabilisiert:

Videostabilisierung? Kann das die Kamera nicht selbst?

Nur bedingt. Das Video wird mit aktiviertem Stabilisator zwar schon etwas ruhiger, doch sobald ich mich bewege, ist die Technik machtlos. Seht Euch meinen Kurzfilm über Dalmatien an, in den Szenen, in denen ich während des Gehens filme, sieht man trotz Stabilisierung die Erschütterungen durch meine Schritte. Ein Stativ ist nur dann eine geeignete Lösung, wenn ich von einem fixen Standort filme, eine Konstruktion auf Rollen bzw. Schienen ist sperrig und für mich somit indiskutabel. Also musste eine Lösung her, die in fast jeder Situation praktikabel ist. Eher aus reinem Zufall bin ich auf dieses tolle Video gestoßen und habe eine leicht abgewandelte Version davon gebaut. Wie das geht erfahrt Ihr jetzt:

Material:

  • eine Schraube, die in das Stativgewinde der Kamera exakt passt
  • 1,5 m Alu-Flachprofil. Breite: 40 mm, Stärke: 3 mm (große und schwere Kameras benötigen > 3 mm Stärke)
  • Rundstab aus Buchenholz. Länge: 30 cm, Durchmesser: min. 25 mm (für Leute mit eher „zarten“ Händen ist das ausreichend)
  • 4 Schrauben mit Sechskantkopf der Stärke 5
  • 20cm Gewindestab der Stärke 5
  • 6 Flügelmuttern passend zu o.g. Schrauben und dem Gewindestab
  • schwarzes Gewebeband
  • ca. 30 cm Schrumpfschlauch passend zum Alu-Flachprofil (alternativ einen 30 cm langen und entspr. breiten Streifen Anti-Rutsch-Matte zum Aufkleben)
  • ca. 3 mm starkes, rutschfestes Material (z.B. eine Anti-Rutsch-Matte für Smartphones, zu Not auch Dichtungsband für Fenster und Türen)
  • etwas Alleskleber (Pattex oder UHU)

Werkzeug:

  • eine Metallsäge mit feinem Blatt
  • eine Holzsäge mit feinem Blatt
  • eine feine Metallfeile und etwas 80er Sandpapier
  • eine Bohrmaschine
  • einen 5er Metallbohrer
  • einen 8er Metallbohrer
  • einen 5er Holzbohrer
  • Bleistift und Geodreieck
  • einen Leister (Heißluftgerät) bzw. Fön

Und so wird’s gemacht:

  1. Zuerst zersägt Ihr das Alu-Flachprofil in zwei jeweils 100 cm und 50 cm lange Stücke. Entgratet und begradigt die Schnittkanten der beiden Stücke mit der Metallfeile.
  2. Zeichnet bei dem 50 cm-Stück an beiden Enden 3 cm eingerückt und mittig im Flachprofil jeweils ein Bohrloch ein.
  3. Nun markiert an einem Ende des 100 cm-Stückes eine Fläche von 4×4 cm (variiert mit der Breite des Flachprofiles) und markiert innerhalb dieser Fläche 4 Bohrlöcher, die von den Rändern der Fläche je 1 cm eingerückt sind.
  4. Jetzt markiert auf dem 50 cm-Stück genau in der Mitte ebenfalls eine 4×4 cm Fläche, in der Ihr ebenfalls 4 jeweils 1 cm von den Rändern der markierten Fläche eingerückte Bohrlöcher markiert.
  5. Zerteilt den Buchenholz-Rundstab in zwei jeweils 15 cm lange Stücke und den Gewindestab in zwei 10 cm lange Stücke. Danach begradigt bzw. entgratet die Schnittkanten des Rundstabes mit dem Sandpapier, die des Gewindestabes mit der Metallfeile.
  6. Bohrt mittels 5er Metallbohrer an den in den Punkten 2 bis 4 eingezeichneten Bohrlöchern Löcher in das Flachprofil. Bitte exakt arbeiten, sonst passen die Bohrlöcher u.U. später nicht zusammen!
  7. Nun wechselt zum 5er Holzbohrer und bohrt in die beiden Stücke des Buchenholz-Rundstabes an jeweils einem Ende mittig und absolut senkrecht zwei 8,5 cm tiefe Bohrlöcher, in die beide Stücke Gewindestab aus Punkt 5 exakt passen müssen.
  8. Nun füllt etwas von dem Kleber in die Bohrlöcher, steckt die Gewindestäbe hinein und lasst den Kleber aushärten.
  9. Verbindet inzwischen die beiden Aluprofile an den beiden mit je 4 Bohrlöchern erwähnten Stellen mittels der 4 Sechskantschrauben und Flügelmuttern. Anmerkung: Meine Wahl fiel auf Flügelmuttern, da ich eine zerlegbare Variante haben wollte, die keinen Schraubenschlüssel erfordert.
  10. 12-15 cm von der T-Kreuzung entfernt zeichnet Ihr mittig auf dem langen Profil vier Bohrlöcher mit einem Abstand von je 2 cm ein. Mit dem 8er Metallbohrer bohrt Ihr jetzt diese 4 Löcher, durch die später die Schraube für das Stativgewinde passen muss. Anmerkung: Die Mindestdistanz zwischen Kreuzung und erstem Loch ist abhängig von Bildwinkel Eures kleinsten Objektivs! Für größere Objektive habt Ihr mit den 3 weiteren Löchern die Möglichkeit, die Kamera nach hinten zu versetzen. Wichtig ist nur, dass Eure Konstruktion später nicht im Bild zu sehen ist!
  11. Mit dem schwarzen Gewebeband schützt Ihr das Buchenholz, damit es durch das Angreifen nicht unansehlich wird. Dazu klebt es von unten wendelförmig nach oben auf die beiden Rundstäbe.
  12. Jetzt formt das lange Ende des fertigen T-Profiles zu Schulterhalterung, und zwar so, dass es bequem Eure Schulter umfasst und Ihr einen angenehmen Betrachtungsabstand zum Kameradisplay habt. Wichtig ist, das Flachprofil an der zu verbiegenden Stelle mit dem Leister vorher gut zu erhitzen, da auch Aluminium brechen kann!
  13. Sobald der eben geformte Haken perfekt auf Eurer Schulter sitzt, zieht den Schrumpfschlauch darüber und bearbeitet ihn solange mit dem Leister, bis er sich perfekt am Profil anschmiegt. Anmerkung: Wie eingangs erwähnt, könnt Ihr alternativ einen Streifen Anti-Rutsch-Matte auf das Flachprofil kleben.
  14. Schneidet das rutschfeste Material in zwei jeweils 10-15cm lange und max. 1cm breite Streifen und klebt diese links und rechts der 4 Bohrlöcher zur Kamerabefestigung (Punkt 10) mittels Superkleber auf das Flachprofil. Somit bekommt die Kamera einen festeren Halt auf unserer Konstruktion.
  15. Jetzt befestigt mittels Flügelmuttern Eure Griffe links und rechts am T.

Punkt 10: Die Löcher zur Befestigung meiner KameraPunkt 9: Das Verbinden zu einem T-Profil

Fertig! Und so sieht das Ganze aus:

Videostabilisierung Marke Eigenbau Videostabilisierung Marke Eigenbau

Anmerkungen und mögliche Verbesserungen:

Mittels Schleifteller habe ich die Köpfe der Sechskantschrauben möglichst flach geschliffen.Leider sind die Sechskantschrauben nicht ideal, weil sie herausragen, ein längeres Objektiv auf diesen aufliegt und Zooms somit unmöglich werden. Mögliche Lösungen wären, entweder die Bohrlöcher mittels Fräse für Senkkopfschrauben tauglich zu machen oder ein fertiges T-Profil zu kaufen. Da ich aber weder geeignete Senkkopfschrauben, noch ein geeignetes T-Profil (aus leichtem Aluminium) im Baumarkt finden konnte, habe ich mir vorerst damit beholfen, die Köpfe der Schrauben abzuflachen. Weiters wäre es möglich, die Handgriffe aus Buchenholz mit Griffen für Fahrradlenker zu polstern bzw. die hölzernen Handgriffe eines Springseiles zu „zweckentfremden.“ Noch ein Problem sind Zooms und die (manuelle) Fokussierung, da man ja keine Hand frei hat. Eine Möglichkeit, dies zu lösen wäre ein genau auf der T-Kreuzung positionierter, wie auch immer gearteter dritter Griff. Sobald ich eine „schönere“ Lösung finde, werde ich darüber berichten.

20140826_125114Noch ein letztes Wort zur Befestigung der Kamera: Bedenkt, dass Ihr mit der falschen Schraube das Gewinde ruinieren könnt oder Eure Kamera gar einen Abflug ins Jenseits machen kann! Konsultiert darum den Fotofachhandel Eures Vertrauens. In meinem Fall habe ich die Schraube von der Schnellwechselplatte eines Stativs (siehe Foto) verwendet.

Und funktioniert das auch?

Ja, das tut es! Schaut Euch mal folgendes Demovideo an und versucht mal, meine Schwenks und Bewegungen „aus der Hand“ und ohne digitale Tricksereien nachzumachen. Es wird Euch nicht gelingen!

Mein erstes Fazit

Ich gebe zu, dass meine Konstruktion etwas skurril aussieht und der Zugriff auf die manuelle Fokussierung und den Zoom erschwert wird, doch unverwackelte Videos mit weichen Schwenks sind damit schon mal kein Hexenwerk mehr. Mit etwas Materialaufwand und Basteltalent habt Ihr im Handumdrehen eine leichte, portable und obendrein preiswerte Lösung, mit der Euch mühelos schöne Aufnahmen ohne dem „amateurhaften“ Gewackele gelingen. Probiert es aus! Über Feedback jedweder Art, sei es in Form von Verbesserungsvorschlägen oder Links zu Filmen, die Ihr mit dieser Konstruktion gedreht habt, würde ich mich natürlich riesig freuen! 🙂

Bitte beachtet, dass…

…dies ein Prototyp ist und ich für die Vollständigkeit, Sicherheit und Fehlerfreiheit keinesfalls garantiere. Umsetzung und Verwendung erfolgen somit auf eigene Gefahr!