Was mache ich dort oben? Ein Beitrag über Alpinismus

Der letzte Beitrag war ausgesprochen negativ, aber heute schreibe ich mal über etwas Positives – nämlich meine Lust auf Berge zu steigen.

Sonntags…

Der Tag fing alles andere als vielversprechend an: Ich wollte auf die Nordkette aufsteigen. Doch mein Rücken schmerzte, genau genommen ein Punkt neben meinem linken Schulterblatt. So ein Mist! Also eine halbe Dolormin eingeworfen, die zweite Hälfte vorsichtshalber in den Rucksack und darauf gezählt, dass sie bald zu wirken beginnt. Die erste Stunde des Aufstieges ist die schlimmste, war bei mir schon immer so. Ich fühlte mich ganz und gar nicht sportlich, sondern wie ein ein Büroschlaffi. Mein Verstand sagte: „Warum tust Du das?“ und sogar der Rucksack schien mich wieder ins Tal ziehen zu wollen. Das Herz aber sagte: „Ich will da hinauf!“ und heißt es nicht immer, im Zweifel folge Deinem Herzen? So kam es, dass ich 3:15 h und knapp 1.400 hm später, mit teils drastischen Steigungen im letzten Viertel mein Etappenziel, das Brugger-Denkmal unterhalb der Hohen Warte, 2.597 m erreichte. So gut haben das mitgebrachte Wasser, die getrockneten Datteln und der Rum im Flachmann noch nie geschmeckt! :-)

Blick in die Stubaier Alpen. In der vorderen Bildmitte der Hechenberg Ich beim Brugger-Denkmal unterhalb der Hohen Warte, 2.597 mWer kennt diesen gefiederten Alpenbewohner?

Nach meiner Pause im warmen Sonnenlicht folgte ein weiterer, aber kurzer Anstieg zum Brandjochboden, dann der Abstieg hinab zum Achselboden und über den wunderschönen Durrachsteig hoch über Innsbruck zurück ins Inntal.

Innsbrucks Olympisches DorfDie höchste Brücke Österreichs: Die Europabrücke Frau Hitt, 2.270 m und Sattelspitze, 2.339 m Achselbodenhütte, 1645 mAuf dem Durrachsteig Richtung Westen. In der Bildmitte das Sellraintal Nicht nur für Tiroler Alpinisten ein Muss: Die Serles, 2.717 m (links) in der Abendsonne

Mittwochs…

Um möglichst weit oben beginnen zu können fuhr ich mit der Nordkettenbahn auf die 1.906 m hoch gelegene Seegrube. Mein Plan war, Richtung Westen zu steigen und auf dem Weg das Brandjochkreuz, 2.268 m als kleinen Gipfelsieg mitzunehmen. Schon bald bremsten mich Steilrinnen voller Schnee gewaltig aus, ich kam kaum weiter, brach oft ein. Wenn ich nicht einbrach war es sehr rutschig und die Steigeisen kamen schon bald zum Einsatz. Trotzdem kam ich nur langsam voran und musste aufpassen, den schneebedeckten Steig nicht zu verlieren – na hoffentlich war das keine dumme Idee! Die Steigeisen mitzunehmen war eine gute, denn Ausrutscher auf steilen Firnhängen enden nicht selten tödlich. Sich in steilem Gelände zu versteigen aber ebenfalls. Und wieder die Frage: „Was mache ich dort oben?“

Von der Seegrube Richtung Brandjochboden. Blick ins Wipptal Inneralpine Begegnungen: Ein Steinbock oder vielmehr eine Steingeiß Ein Ausrutscher auf derartigen Firnfelden kann tödlich enden! Ohne Steigeisen wäre so manche Frühjahrs-Bergtour glatter Selbstmord

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich endlich den Brandjochboden und stieg zum Brandjochkreuz auf. Trotz Bewölkung war die Aussicht phänomenal. Ich kochte einen Tee, machte ein paar Fotos und stieg wieder ab. Inzwischen wurde es sonnig und ich machte ein weiteres Päuschen oberhalb der Aspachalm, bevor ich ins Tal abstieg. Es war eine einsame und wunderschöne Tour, außer einem Steinbock, einer Kreuzotter und diversen Gamsrudeln sah ich keine Seele.

Auf dem Brandjochkreuz, 2.268 mVom Brandjochkreuz zur Vorderen Brandjochspitze, 2.559 m führt ein anspruchsvoller KlettersteigAls würde man über Innsbruck schweben: Blick vom Brandjochkreuz, unten links die AchselbodenhütteUnterwegs Richtung Schneekar in wunderschöner KulisseDas Schneekar. Darüber Kleiner Solstein, 2.637 m und Hohe Warte, 2.597 mIm Schneekar. Im Hintergund die Kalkkögel und die 3.000er der Stubaier Alpen Ein Jagdhaus oberhalb der Aspachhütte

Freitags…

Der Wetterbericht lag goldrichtig und ich wollte Bäume ausreißen! Der perfekte Tag für eine Tour durch die Kranebitter Klamm zur 1.637 m hoch gelegenen Neuen Magdeburger Hütte. Meine mittlerweile arg strapazierten Füße bandagierte ich so gut es ging und los – hinauf zum Rauschbrunnen und via Söldensteig in die Klamm. Je näher ich der Klamm kam, desto schlechter wurde der Zustand des wohl selten begangenen Steiges und die mit Gras und Laub bedeckten Steilhänge mahnten zu besonderer Vorsicht.

Steil, ausgesetzt und selten begangen: Der Söldensteig Am Sparberegg brannte es im April 2009 Es geht hinab in die Kranebitter Klamm

Keinen Deut besser war es in der Klamm: Minütlich klapperte und polterte es aus den Felswänden unterhalb des Kleinen Solsteins, 2.637 m. Da hilft nur Lauscher aufsperren und sobald es ruhig ist schnellstmöglich durchlaufen! Der Steig wurde schlechter, sowohl Seilversicherungen als auch der Steig waren vom Steinschlag großteils zerstört – ganz wohl war mir jedenfalls nicht und im Hinterstübchen geisterte mal wieder die Frage herum, ob die Tour eine kluge Idee war.

Die Kranebitter Klamm. Hoch darüber die Hohe Warte, 2.597 m In der Kranebitter Klamm Die sog. "Nasse Wand" ist sehr steinschlaggefährdet Reißen sind kein schönes Gehgelände Blick zurück. Auf dem linken Bergrücken ist das Sparberegg zu erkennen Entlang der Wand führt der Steig bzw. das was davon noch übrig ist. Zusätzlich zum Steinschlag kam noch die Absturzgefahr

Doch auch diese Passage war irgendwann überwunden und nun ging es in Serpentinen durch einen lichten Mischwald zur idyllisch gelegenen Neuen Magdeburger Hütte. Krönender Abschluss war der Abstieg nach Hochzirl und die Zugfahrt mit der Karwendelbahn zurück nach Innsbruck – der Abschnitt Seefeld in TirolAllerheiligenhöfe ist übrigens eine landschaftlich sehr reizvolle Bahnstrecke.

Endlich ist die Neue Magdeburger Hütte erreicht! Der Große Solstein. Mit 2.541 m etwas niedriger als der Kleine Solstein

Statistik

Während dieser recht aktiven Woche habe ich 44,1 km zurück gelegt, bin 2.994 hm aufgestiegen (die Bahnfahrt zur Seegrube ausgenommen), 3.919 hm abgestiegen und war insgesamt 22 h 23 min unterwegs. Für einen Hobbyalpinisten recht ordentlich und für mich obendrein ein neuer Rekord.

Warum ich auf Berge steige?

Eines muss ich klarstellen: Ich muss mich weder mit der Generation 18-25 messen noch mit Reinhold Messner oder Hermann Buhl. Aber ich bin bereits auf Berge gestiegen, Skitouren gegangen und Mountainbike gefahren, als Alpinismus noch als uncooler Freizeitspaß für Spießer im Karohemd oder Extremisten Marke „Messner“ galt und Mountainbiker von besagten Spießern belächelt wurden. Meine erste Skitour ging ich mit 7 Jahren, mit acht überquerte ich die Nordkette auf dem Goetheweg und mein erstes Mountainbike besaß ich mit 14, mit dem ich im Isartal oder einer nahen Kiesgrube stets fleißig trainierte.

Ja, und warum steigt man nun auf Berge? Die Antworten bekannter Alpinisten reichen von „Ich besteige 8.000er, weil es keine 9.000er gibt!“ bis „Ich besteige Berge, weil es sie gibt!“. Man kann es nicht „einfach so“ beantworten! Rein rational betrachtet macht es keinen Sinn, auf Berge zu steigen, aber das ist mir egal. Für mich ist es eine meditative Beschäftigung, ein intensives Sich-selbst-spüren. Es existieren nur Körper, Geist, der Raum und die Zeit. Eine Mischung aus Leben und Überleben in einer archaischen Kulisse und das gute Gefühl, etwas geleistet zu haben, es sich selbst bewiesen zu haben – zu leben! Wenn Ihr mich also fragt, warum ich gerne auf Berge steige, so kann ich nur antworten: Weil ich mich dabei besonders lebendig fühle und ich in den Bergen viele Motive finde, die mein Fotografenherz wahre Salti schlagen lassen.

Zum Abschluss noch ein paar schöne Fotos der ersten alpinen Frühlingsboten. Die zweite Hälfte der Dolormin habe ich übrigens nicht benötigt. :-)

Gefährdet und unter Naturschutz: SchneeroseLeberblümchenLeberblümchen gibt es in weiß, rosa, pink, violett und sogar in blauAlpen-Aurikel PfauenaugeSteinbrechImmergrünes FelsenblümchenHohe Schlüsselblume Weißer Krokus Schusternagerl