Zoom vs. Festbrennweite oder Warum ich Zoomobjektive bevorzuge

Das Sigma 18-35 mm f1,8 DC HSM (hier an einer Nikon D5300) – in jeder Hinsicht ein wahrer Festbrennweitenkiller!

Ich beginne diesen Beitrag mit einer etwas provokanten These: Wollte man noch vor 30 Jahren auf High-End-Niveau fotografieren, so griff man meist zu einer KB- oder gar Mittelformat-SLR inklusive diverser Festbrennweiten – Zoomobjektive waren damals noch nicht besonders hochwertig und ließ man daher links liegen. Heute genügt für das gleiche Qualitätsniveau eine DSLR oder Systemkamera mit 2 oder 3 guten Zoomobjektiven – für perfekte Fotos sind Festbrennweiten heute kein Muss mehr.

Mit dieser Aussage liefere ich nicht wenigen (Berufs)Fotografen und Liebhabern von Festbrennweiten eine Steilvorlage und ich kann ihre Gegenargumente bereits hören: „Festbrennweiten sind doch viel lichtstärker, schärfer und machen das schönere Bokeh!“ „Professionelle Fotografen verwenden ausschließlich Festbrennweiten!“ „Wozu kaufe ich ein System mit wechselbarer Optik, wenn ich eh „nur“ variablen Zoom haben möchte?“

Auf welchen Objektivtyp soll man also setzen? Ich sage: Kommt immer darauf an. Lasst uns also diese ideologischen Grabenkämpfe unter Fotografen vergessen und das Thema einmal sachlich und vorurteilsfrei betrachten.

Zoom vs. Festbrennweite: der Unterschied

Kurz und knapp formuliert ist ein Zoomobjektiv ein Objektiv mit variabler Brennweite. Eine Festbrennweite besitzt, wie der Name schon sagt, nur eine einzige Brennweite. Damit ist der Unterschied zwischen den beiden Objektivtypen erklärt.

Die Geschichte des Zoomobjektives

Zoomobjektive kamen erst später zur Marktreife als Festbrennweiten, weil sie weitaus schwieriger zu konstruieren sind. Lt. diesem Wikipedia-Artikel erschien im Jahre 1959 mit dem Voigtländer Zoomar 2,8/36–82 das erste markttaugliche Zoomobjektiv.

Pro und Contra Zoomobjektiv

Zoomobjektive sind universaler einsetzbar und das Risiko, durch die Wahl der falschen Brennweite ein Motiv zu verpassen, ist mit einem Zomobjektiv geringer. Der Nachteil von Zoomobjektiven ist, dass sie aufwendiger zu konstruieren sind, was gerade bei preiswerten Fabrikaten in einer schwächeren Abbildungsleitstung resultiert. Somit erreichen Zooms oft nicht die hervorragende Lichtstärke und Bildqualität einer Festbrennweite. Für Großansicht und Bildbeschreibung bitte auf die Fotos klicken oder tippen:

Pro und Contra Festbrennweite

Festbrennweiten sind einfacher zu konstruieren und punkten daher mit einer besseren Abbildungsleistung. Ihr einziger Nachteil ist die „unflexible“ Brennweite. Ist ein Motiv zu nah oder zu weit entfernt, muss ich mich entweder darauf zubewegen, davon weggehen oder zu einem Objektiv mit anderer Brennweite greifen. Viele Motive warten aber nicht, bis der Fotograf den richtigen Standort bzw. die richtige Brennweite gefunden hat.

Wann verwende ich welchen Objektivtyp?

Die Entscheidung für eine Objektivart sollte von der Art der Fotografie sowie der Planbarkeit einer Fotosession abhängig gemacht werden. Ein Landschafts- und Naturfotograf, der viel unterwegs ist und aus Kapazitätsgründen mit zwei oder drei Linsen für alle Situationen gewappnet sein will, ist mit Zoomobjektiven besser bedient als ein Studio- oder Portraitfotograf, der in einer weitgehend planbaren Umgebung fotografiert und bei Bedarf die Brennweite jederzeit wechseln kann.

Warum ich Zoomobjektive bevorzuge

  • Dank des Fortschrittes und moderner Materialien sind bei Zoomobjektiven inzwischen Abbildungsleistungen möglich, die noch vor wenigen Jahren den Festbrennweiten vorbehalten waren.
  • Moderne Zoomobjektive können heute, die entsprechende Preisklasse vorausgesetzt, mit einer erstklassigen Leistung aufwarten, die es problemlos mit einer Festbrennweiten aufnehmen kann.
  • Würde ich mein Linsen-Portfolio durch Festbrennweiten ersetzen, würde mich das einen 5-stelligen Geldbetrag kosten, überdies würden sich Dimension und Gewicht meiner Ausrüstung dramatisch vergrößern!

Festbrennweiten lehne ich nicht grundsätzlich ab, aber ich bin nicht gewillt, ständig mit zig Linsen für jede nur erdenkliche Situation herumzulaufen. Nach Möglichkeit vermeide ich auch jeden überflüssigen Objektivwechsel – bei -20 °C oder starkem Wind wahrlich kein Vergnügen für Mensch und Technik! Und niemals lege ich mich als Landschafts- und Naturfotograf auf Brennweiten fest, sondern auf Weitwinkel, Normalbereich und Telebereich. Dafür reichen (fast immer) die 3 Zoomobjektive, die ich besitze! Und dass Festbrennweiten in Summe viel teurer sind, will ich auch nicht unerwähnt lassen! Darum halte halte ich es für falsch, angesichts des heutigen Entwicklungsstandes nur auf Festbrennweiten zu setzen.

Darauf solltet Ihr achten!

Jeder kennt die lukrativen Angebote einschlägiger Fachhändler: Kamera X mit Zoomobjektiv 18-105 mm f3,5-5,6, nur 499 €. Kamera Y mit Zoomobjektiv 18-55 mm f3,5-5,6 und 55-200 mm f4,0-5,6 für unschlagbare 699 €. Auch wenn es verlockend klingen mag, für wenig Geld eine Linse mit viel Zoom zu erhalten, so lautet meine Empfehlung, diese „Scherben“ nicht zu kaufen und lieber etwas mehr Geld zu investieren. Hier die Gründe:

  • Zoomobjektive verfügen oft konstruktionsbedingt über mäßige Blendenwerte. Ein Blendenwert von „f3,5-5,6“ bedeutet, dass das Objektiv wenig Spielraum bei der Schärfentiefe bietet und bei der Endbrennweite nur noch eine Offenblende von f5,6 verfügbar ist. Sucht darum nach Objektiven, die einen möglichst niedrigen Blendenwert verfügen und diesen Blendenwert idealerweise über den gesamten Brennweitenbereich beibehalten.
  • Viele Zoomobjektive sind nicht innenfokussierend, das heißt, ihre Länge verändert sich beim Zoomen, was ein Objektiv anfälliger für Staubeinschlüsse macht und den Schwerpunkt eines Objektives verlagert. Wenn möglich, dann kauft besser innenfokussierende Modelle. Ein winziger Nachteil ist, dass meist kein sehr umfangreiches Brennweitenspektrum realisierbar ist.
  • Finger weg von Objektiven, bei denen sich die Frontlinse beim Fokussieren mitdreht, da es bei derlei Fabrikaten fast unmöglich ist, Filter aufzuschrauben oder eine Filterscheibe zu drehen, ohne den Fokus dabei zu verändern! Ein Beispiel hierfür ist das Nikon 18-55 mm f3,5-5,6G. Spätestens im professionellen Einsatz sind derartige „Konstruktionen“ unbrauchbar!
  • Preiswerte Standardzooms gibt es wie Sand am Meer und haben einen hohen Wertverlust. Hochwertige Objektive erzielen auf dem Gebrauchtmarkt, sofern man seine Ausrüstung pfleglich behandelt, selbst nach Jahren sehr gute Preise. Will man eines Tages auf anderes hochwertiges Glas upgraden und ein Objektiv verkaufen, macht man zwei Geldbeuteln eine große Freude. 🙂
  • Minderwertige, klapprige Plastikgehäuse, ungleichmäßig schließende Blendenlamellen und schlecht gelagerte Fokussierringe habe ich nur bei billigen Standardzooms erlebt. Ungleichmäßig schließende Blendenlamellen sind es, die für ein unharmonisches Bokeh sorgen und schlecht gelagerte Fokussierringe machen eine manuelle Fokussierung z. B. bei Nachtaufnahmen oder beim Filmen zu einem Glücksspiel.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass billige Standardzooms mit steigendem Anspruch für eine Menge Frust beim Anwender sorgen können. Viele Fotos ergeben sich nur einmal im Leben und es wäre dumm, ausgerechnet an der Optik zu sparen! Daher lautet meine Empfehlung: Kauft lieber hochwertiges Glas, das lichtstark und wertkonstant ist. Und steigert Euch (je nach Finanzlage) langsam.

Zoomobjektive richtig verwenden

Eine variable Brennweite kann leider auch zur Disziplinlosigkeit verleiten. Während der Fotograf durch das einschränkende Element der festen Brennweite mehr Arbeit bei der Bildkomposition hat, können Anwender eines Zoomobjektives meist stehen bleiben und nach Belieben am Zoomring drehen. Die variable Brennweite sollte die Bildkomposition aber nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen. Außerdem muss man gerade bei preiswerten Objektiven ab dem Telebereich deutliche Abstriche bei Bildqualität und Lichtstärke machen. So gehe ich vor: Sehe ich ein zu gestaltendes Motiv, lege ich mich auf eine Brennweite fest und versuche, das Bild zu optimieren, indem ich mich bewege. Den Zoom verwende ich erst, wenn ich meine Position nicht verändern kann oder eine Positionsänderung mich einem weit entfernten Motiv nicht „näher bringt“.

Beispiele für gute Zoomobjektive

Gute Zoomobjektive gibt es inzwischen eine ganze Menge, egal für welchen Kameratyp und / oder -hersteller. Hier ein Beispiel aus meiner Fototasche: Das 18-35 mm f1,8 aus der Sigma ART-Serie ist zwar nicht ganz billig, aber jeden Cent wert und mit seinem Brennweitenbereich von 18 mm bis 35 mm ist es eine sehr vielseitige Linse. Brillianz und Bildschärfe sind selbstverständlich überragend. Auch bei meinem Haus-und-Hof-Hersteller Nikon haben einige hochwertige Zoomobjektive viele der altgedienten Festbrennweiten abgelöst. Beispiele hierfür sind das Nikon 70-200 mm f2,8 oder das 14-24 mm f2,8. Ganz neu in Nikons Sortiment ist das 16-80 mm f2,8-4, wurde extra für das DX-Sensorformat konstruiert und soll ein erstklassiges Bild liefern, ist aber in meinen Augen derzeit noch zu teuer. Für Canon und Pentax kann ich leider nicht sprechen, aber ich bin überzeugt, dass diese beiden Hersteller auch nicht schlecht aufgestellt sein dürften.

Was ich verwende

Ohne Übertreibung ist meine derzeitige Ausrüstung der endgültige Kompromiss aus einer erstklassigen Ausrüstung, Gewicht, Packmaß und finanziellem Spielraum! 🙂 Bin ich draußen in der Natur unterwegs, wiegt mein Lieblings-Setup selten mehr als 5 kg und passt problemlos in meinen Rucksack:

  • Seit dem Kauf Ende 2014 stets dabei ist das Sigma 18-35 mm f1,8 und, nachdem ich vor etwa einem Jahr wieder Lust auf Teleaufnahmen bekommen habe, das Nikon 70-300 mm f4,5-5,6, das zwar nicht mit Lichtstärke punktet und ab 200 mm bei Offenblende etwas weichere Bilder macht, ich aber dank seiner Vielseitigkeit sehr häufig verwende. Mit seinen 70 mm Anfangsbrennweite setze ich es sogar in der Portraitfotografie ein.
  • Den Neuzugang Sigma 10-20 mm f3,5 setze ich ein, wenn möglichst viel auf’s Bild darf, egal ob in der Stadt oder in der Natur. Durch seine maximale Brennweite von 20 mm ist es außerdem flexibler als man denkt. Ein Superweitwinkelobjektiv sehe ich aber nach wie vor nicht als ein Muss an, gekauft habe ich es in erster Linie, weil es für kurze Zeit zu einem unschlagbaren Preis verfügbar war. 😉
  • Wenn schon Festbrennweite, dann ein 50 mm – egal welches Sensorformat! Bin ich in Städten unterwegs oder fotografiere ich Menschen, packe ich zum Sigma 18-35 mm f1,8 das Nikon 50 mm f1,8 ein. Zum 18-35 mm f1,8 ist das 50 mm eine tolle Ergänzung „nach oben“. 50 mm ist eine universale Spaßbrennweite, die, egal ob Vollformat oder APS-C / DX, in keiner Fototasche fehlen sollte.

Alternativen

Einen Allrounder kann und wird es in der Fotografie nie geben, da man immer einen Kompromiss – sei es an Größe, Gewicht oder Physik – eingehen muss. Wer eine möglichst vielseitig einsetzbare Kamera mit viel Zoom haben will, sollte sich im Segment der Bridgekameras umsehen, die meist Optiken mit sehr großem Brennweitenbereich verbaut haben. Als Beispiel sei die Panasonic Lumix FZ-1000 mit ihrer maximalen Brennweite von 400 mm erwähnt, und ich kenne mittlerweile einige sehr zufriedene Besitzer dieser Kamera, die durchaus zu den versierten Fotografen der Alten Schule zählen und gewiss keinen Schrott benutzen würden.

Mein Fazit

Moderne Zoomobjektive der oberen Preisklasse können dank des technischen Fortschrittes mit einer optischen Leistung aufwarten, die noch vor nicht allzu langer Zeit ausschließlich den Festbrennweiten vorbehalten war. Daher ist es in meinen Augen kein Zeichen von mangelnder Professionalität mehr, Zoomobjektive zu nutzen, auch wenn einige Vertreter der Gattung „Fotograf“ nach wie vor davon überzeugt zu sein scheinen. Natürlich spricht nichts dagegen, auch ein paar gute Festbrennweiten zu nutzen, aber dank des technischen Fortschrittes in der Fotografie sehe ich keinen Grund, wegen der oft nur mutmaßlich besseren Bildqualität nur mit Festbrennweiten zu arbeiten.

Wie bei vielen anderen Reizthemen der Fotografie gilt auch hier: Geht lieber fotografieren, anstatt eine Wissenschaft oder gar Materialschlacht aus der Fotografie zu machen. Und welcher Objektivtyp Euch das bestmögliche fotografische Resultat ermöglicht, werdet Ihr eines Tages ganz von alleine merken.

Ein Kommentar bei „Zoom vs. Festbrennweite oder Warum ich Zoomobjektive bevorzuge“

  1. Hallo Daniel, ich hab mir den Beitrag mehrmals angeschaut und durchgelesen. Als ehemaliger Festbrennweitenliebhaber möchte ich doch dazu etwas sagen. Linsen kosten. Gute Linsen = lichtstarke Linsen kosten noch mehr. Meine Favoriten als Festbrennweiten sind sicher ein 50 mm, das 85, ein WW, möglichst mit 24 mm, besser 21 mm und ein „Shifter“ für die Architektur-fotografie. Die Bridgekameras sind praktisch, ja! Nicht ganz so „sperrig“ wie eine SLR, haben aber den Nachteil, daß die Fotoqualität eher mäßig ist. Zooms, egal in welcher Ausführung verzeichnen immer stärker als Festbrennweiten. Ohne passende Korrekturdaten und fotografieren im RAW-Modus steht man ziemlich im Regen.
    Gut Licht und „lass es rüsseln“ 😉
    Peter

Kommentare sind geschlossen.